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"Infiziert"

....... hat sich unsere Gastautorin mit dem Karneval-Bazillus. Viel Spaß beim Lesen!
von mk/ct
Weinheimer Wasserschlepper
© diekleinebenzmann



Infiziert

Ja, wie war das eigentlich damals, als „Frau Babbisch und Frau Struwwelisch“ im Mainzer Karneval auftraten und ich in die Krallen der Karnevalisten fiel ?

Mein Vater war im Elferrat der „Wasserschepper“ und meine Mutter schrieb für so einige Redner die Bütten, wie auch für sich selbst, wie zum Beispiel als „Die Olsche aus dem Parterre“, und ich selbst hatte nicht viel übrig zu dieser Zeit für Karneval.

Nun in dem einen Jahr wollte auch ein Shanty-Chor bei den Wasserscheppern ihr Bestes geben.

Zur Dekoration sollte vor dem Chor ein kleines Boot mit einem Leichtmatrosen, immer schön am Rand entlang, über die Bühne gezogen werden.

War aber eine Schnapsidee, denn erstens hat ein Boot einen Kiel, und zweitens, wie es halt immer so ist, so auch in der Faschingszeit, machen sich die Oberen, in diesem Fall der Elferrat, viel zu breit, so dass die Bühne in der Tiefe viel zu schmal dafür war. Also kam man schnell auf die Idee ein Fass zu nehmen, dass man mittels von zwei Tauen mal nach links oder rechts ziehen wollte. Natürlich sollte auch dieses „Boot“ mit einem Matrosen bestückt sein, nur leider für einen gestandenen Matrosen, denn selbst für einen Leichtmatrosen war es viel zu klein.

Nun wurde hin und her überlegt. Ein Junge musste her, aber der darf wiederum nicht zu jung sein, wegen des Auftritts am Abend. Irgendwer kam dann auf die Idee, meine Eltern zu fragen, ob sie damit einverstanden wären, wenn ich... und dann mich zu fragen, ob ich...

Schließlich war ich ein junger Hüpfer, sehr beweglich, wenn auch weiblich und nicht männlich, von knapp 14 Jahren und mit meinen 158 cm nicht zu groß und meinen 47 Kilo schlank genug, um in ein Fass zu passen.

So war es dann also abgemacht. Termine und Uhrzeiten standen fest. Proben waren für mich nicht nötig, da ich nur in dem Fass saß und zwischen den Lieder aufstehen sollte, um dann Konfetti und Luftschlangen zu werfen.


Es war soweit:

Unten in der Garderobe zog ich mein Matrosenkostüm an, drehte meine langen Haare solange um sich selbst, bis daraus ein dicker Knoten entstand, den ich dann unter dem Matrosenkäppi feststeckte, sowie verstecken konnte.

Die Durchsage kam, dass nun unser Auftritt bevorstand.

Langsam stieg ich die Treppe Richtung Bühne hinauf, mit Kribbeln im Bauch, weichen Knien, und auch etwas heiser, weil mir das Lampenfieber auf die Stimmbänder schlug, Bevor ich aber die letzte Stufe erreicht hatte, wurde mir ein halbes Glas Sekt in die Hand gedrückt. „Schnell, trink, ist gegen Lampenfieber!“ raunte mir eine Stimme aus dem Dunkeln zu.

Erstaunt, aber ohne mit der Wimper zu zucken, trank ich das Glas leer, hüpfte in das Bierfass und machte mich klein und schon ging die Rutschpartie los. Der Chor sang. Ich spürte sogleich, dass ich nach links und dann wieder nach rechts gezogen wurde und plötzlich gab es einen Ruck. Das Fass saß fest und rückte und rührte sich nicht mehr.

Die Männer sangen...

Ein heftiger Schlag und dann, ja und dann flog das Fass um, rollte los, ich rutschte hinaus und kollerte auch noch einige Drehungen, kam an Beinen zum Stillstand. Langsam kam ich torkelnd auf meine Füße, sah aber nichts, denn meine langen Haare hingen wie eine Gardine vor meinem Gesicht.

Das Lied war zu Ende, und ich stand wie ein seekrankes Landei mit puterrotem Gesicht direkt vor dem Publikum.

Ich schämte mich und wusste nicht wohin sehen?

Mucksmäuschenstill war es und urplötzlich brandete der Beifall auf, ich hörte polternde Füße, die den Takt schlugen, Gejohle und Pfiffe, es wollte gar keine Ende nehmen.

Dann sprach ein Elferrat, alle lachten miteinander, es wurde applaudiert und auch ich konnte wieder lachen.

Zwei Sänger hoben mich hoch, so dass ich in das Fass klettern konnte. Während ich mit ganz neuem Selbstvertrauen Konfetti und Luftschlangen ins Publikum warf, wurden die restlichen Lieder gesungen...


Am nächsten Tag war über die Wasserschepper in der Zeitung zu lesen, dass man sich einen tollen Gag hätte einfallen lassen.

Was als Unfall begann, musste nun als lustige Einlage bei jedem Auftritt wiederholt werden, was nicht immer so gut wie das Original gelang.


Ja, so kam ich zu meinem 1. Karnevalsorden, dem noch viele folgen sollten, denn ich wurde schwer mit dem Karneval-Bazillus infiziert.

© diekleinebenzmann









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