Margit Becker: "Das Kreative in mir"


Viele haben sich (hoffentlich rechtzeitig) schon diese eine wichtige Frage gestellt: Was mache ich, wenn ich nächstes Jahr zur Klasse der rüstigen Rentner gehöre?

Margit Becker

© Margit Becker

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Etwas Intellektuelles, etwas Kreatives und etwas Soziales. Ja, genau so stellte ich mir die Zeit nach dem Arbeitsleben vor. Ich überlegte, plante und verwarf.

Malen hatte ich nie richtig gelernt. Ich kann heute noch kein Pferd malen, obwohl meine kleine 2-jährige Enkeltochter mit meiner Tiermalerei gerade noch gut zurecht kommt. Aber, wenn sie drei ist, wird sie mein Pferd sicherlich doch als Hasen einordnen.

Und mein Akkordeon, welches ich vor Jahren höchstens zu Weihnachten wegen der Kinder bewegt hatte und gerade noch die Stille-Nacht-Heilige-Nacht-Töne befriedigenden Klanges in den Heiligen Abend schickte, brauchte zuallererst eine Generalreparatur. Und generell mal ehrlich, wer will heute noch 64-jährige weibliche Akkordeonlaien hören, die mit leicht versteiften Fingern nicht immer den richtigen Ton finden?

Einen dreijährigen Englisch-Kurs an der Volkshochschule (als im Osten zur Schule Gegangene war Englischunterricht nur ein Ausnahmefall) hatte ich hinter mir und zu den notwendigen Sprachreisen kam es eher aus Altersgründen leider nicht. Welche Gastfamilie nimmt schon 60-jährige Schülerinnen?

Und da ist dann noch mein Lebensmittelpunkt, auch Ehemann genannt. Er hat in den vier Jahren seines eher begonnenen Rentnerdaseins den ganzen Garten in Beschlag genommen vom Radieschen im Frühjahr bis zum Baumverschnitt im Winter. Klar, ich werde mir das Gewächshaus unter den Nagel reißen, er weiß es nur noch nicht, aber das ist nicht verwandt mit Kreativsein.

Sodann meldete ich mich im besten Kreativladen unserer Kleinstadt zum Nähkurs an, um Aufzufrischen, Aufzubessern und um Tricks und Kniffe zu lernen, die ich vergessen hatte. In den 1970er und 80er Jahren hatte ich vieles selbst genäht, Hosen vor allem. Laienhaft zwar und in Eigenregie und vielleicht auch nicht immer ganz exakt. Aber meine Figur machte damals eben noch alles mit.

Ich packte im hinteren Teil des Stoffgeschäftes meine Nähmaschine aus und die Kursleiterin Marietta fragte mich: "Was willst Du nähen?"
Völlig überrumpelt von der Frage mit dem Blick auf die Dame gegenüber, die für ihren Enkel eine Sporttasche mit maritimen Motiven nähte, antwortete ich: „Genau solche Freizeit- und Sporttaschen wie diese.“ Und tatsächlich, ich bekam einen Schnitt und den Auftrag mir im Laden die passenden Stoffe zusammen zu suchen. Es war wie ein Mischen von Materialien, Farben und Formen. Und vor allem: Es machte Spaß. So muss es einem Maler gehen, der vor einem neuen kreativen Projekt steht.

Stoffballen raus, Stoffballen rein, Farbvergleiche, Knöpfe, Tragegurte braun, rot oder schwarz, Reißverschlüssen aller Farben. Passt oder passt nicht. Baumwollbeschichtetes Material für das Innenfutter, das richtige Garn und Vlies zur Verstärkung der Stoffteile. Und einen Knopf, einen schönen großen farbigen Knopf für die Außentasche.

„Wenn du Dich konzentrierst, dann schaffst Du heute noch die Außentasche mit Klappe und Lasche fertig zu stellen,“ sagte Marietta. Ich musste lachen, es klang irgendwie albern.
„Du hast den Schnitt und die Anleitung und Du schaffst es auch alleine, alles zu Hause zu Ende zu nähen.“

Schließlich hatten wir Hochsommer, es waren Schulferien und der nächste Kurs sollte erst im September stattfinden.

Auf meinen fragenden Blick nickte sie lächelnd. Außerdem kosten 2 Stunden Nähkurs 20 Euro. Und tatsächlich, nach
4 Wochen hatte ich sie fertig.

So sehen sie aus..... all die Nachfolger meiner ersten Tasche. Das erste Mal habe ich mich in diesem Jahr für den Kreativmarkt in Leipzig angemeldet und bin gespannt, ob ich meine Taschen anbieten darf.