Oma Hiltruds Internet-Dates


Eine Geschichte von Ellen Vakily über die Sehnsucht einer alleinlebenden älteren Frau nach Zweisamkeit. Viel Spaß beim Lesen!

Oma Hiltruds Internet-Dates

An einem sonnigen Tag im Juli des Jahres 2014 bekam die damals 83jährige Greisin Hiltrud A. einen Laptop geschenkt. Komplett benutzertauglich mit Windows 7 und kostenlos unter WLAN. Die arme Frau, die bislang jede Berührung mit dem Internet gescheut hatte, wie der Teufel das Weihwasser, stellte den unerwünschten Apparat zunächst ungeöffnet auf die Kommode, wo schon ein paar hässliche Vasen und Stofftiere vor sich vor sich hindämmerten. Aber anders als die banalen Gegenstände aus der noch computerlosen Vergangenheit, rumorte das schwarze Ding in Hiltruds Gehirn. Da war eine Stimme, die sagte: "Da hast Du jetzt einen Computer und kannst surfen zum Nulltarif - nun mach doch endlich was damit!" Sie jammerte: "Ich kann das niiiicht...!!! Ich will auch niiiicht!!!!!"

Nach einer Woche rief sie ihren Sohn an: "Ich hab da einen Computer geschenkt gekriegt. Also, wenn du mir jetzt zeigst, wie das funktioniert, dann, dann probier ichs mal.......grrrr....".
Hiltrud A. lernte erstaunlich rasch, besonders als sie begriff, dass man mit Googlemail Briefchen verschicken durfte, ohne Kuvert und Briefmarke und nicht mehr zum Briefkasten rennen musste oder schlimmer noch, zur weit entfernten Poststelle.....das war einfach wunderbar. Nach der ersten geglückten Mail an den Sohn, wuchs in der bis dahin ziemlich schreibfaulen Hiltrud eine unbändige Lust, hemmungslos gefühlvolle und verrückte Texte in das kleine Bildschirmfeld zu tippen. Der erste Adressat war ein recht erfolgreicher Autor, dessen Mail-Adresse sie in einem seiner Bücher gefunden hatte.

Mail vom 2. September 2014 - Hiltrud Angermann an Matthias Mühlenbach:

Sehr verehrter Herr Mühlenbach,
ich habe gerade ihr jüngstes Buch "Begegnungen" gelesen und bin immer noch tief ergriffen. Was für eine Sprachgewalt und welch ein Einfühlungsvermögen in die Psyche der dargestellten Frauenfiguren. Es würde mich unglaublich freuen, mit Ihnen darüber zu diskutieren, weil ich natürlich auch viele Fragen dazu habe. Deshalb hoffe ich sehr auf eine nette Antwort!

Freundliche Grüße! - Hiltrud

Mail vom 4. September 2014 - Matthias Mühlenbach an Hiltrud Angermann:

Sehr geehrte Frau Angermann,

Herzlichen Dank für Ihr Interesse! Bin leider im Moment total im Stress wegen Buchmesse. In zwei Monaten komme ich im Rahmen einer größeren Lesetour auch nach München. Die Termine sind der 5. Dezember bei der Buchhandlung Kahlhuber und der 7. Dezember im Literaturhaus.

Mit freundlichen Grüßen! Matthias M.

Die gute Hiltrud, die zuerst gejubelt hatte, als sie die Antwort des Autors auf der Mail-Liste entdeckte, versank angesichts seiner nüchternen Zeilen in ratlose Trübsal. Sie hatte sich anderes erhofft. Zumal sich die Begeisterung für den in Wien lebenden Schreiber nach ausführlicher Google-Recherche zu einer Art Besessenheit gesteigert hatte. Denn ihr neuer Mailschwarm erschien ihr auf seinen Homepage-Fotos wie eine Kreuzung zwischen Harrison Ford als Indiana Jones und dem frechen George Clooney. Nach 20 Jahren friedlicher Enthaltsamkeit wallte beim Anblick dieser Portraits in der Greisin mit einem Mal ein heftiges erotisches Verlangen auf. Es war ein süßes Gefühl und Hiltrud schämte sich bitterlich.....Herrn Mühlenbachs Mail war wie eine kalte Dusche.

Am 26. September stieß die frischgebackene Surferin durch Zufall auf die Existenz eines Netz-Forums für ältere Nutzer. Diesmal schaffte sie die komplizierten Einstiegsprozeduren für den "Seniorentreff" locker ohne den Sohn - vergaß auch nicht das neue Passwort "Sinusitis" säuberlich in das dafür angeschaffte Notizbuch einzutragen. Es gelang ihr, ein reizendes 14 Jahre altes Foto mit der neuen Digitalkamera abzulichten und auf ihrer Seniorentreff-Profilseite zu platzieren. Darunter setzte sie ein paar frech formulierte Sätze, die Auskunft gaben über ihre Person, die sich hier hinter dem Pseudonym "Kichernixe" verbergen durfte und sie war entzückt über die Resonanz! Denn schon am nächsten Tag nach dem Einstieg bekam sie kleine nette Botschaften von älteren Herren, die mehr von der geheimnisvollen Nixe wissen wollten. Hiltrud vergaß ihre Leidenschaft für den schönen Matthias Mühlenbach und verwandelte sich unmerklich in eine mannstolle Jägerin.

Der Seniorentreff bot jedem seiner Mitglieder eine intelligent gestaltete Profilseite. Sozusagen als Visitenkarte, in der sich Besucher mit Bild eintragen und je nach Interesse kleinere Nachrichten posten durften. Für die plötzlich liebeshungrige Hiltrud ein gefundenes Fressen: Ihr 14 Jahre altes neckisches Potrait lockte auf Anhieb mehrere hoch interessierte Herren an.
Eine ganze Woche lang betrachtete die muntere Greisin die Fotos und kleinen Memos ihrer Bildschirmgäste und entschied sich schließlich für einen knackigen Ingenieur aus Aachen. Sie fand ihn wunderschön und es machte ihr nichts aus, dass dieser Mensch ihr unverhohlen und unmissverständlich zu verstehen gab, dass er die Streicheleinheiten reiferer Damen schätze. Im Gegenteil - sie antwortete feurig - schließlich war der Typ weit weg und in diesem Forum konnte sie unter dem Schutz der Anonymität Dinge wagen, die im realen Leben absolut tabu waren. Sie riet dem balzenden Bewundererer, sich eine Cessna anzuschaffen, damit man schnell zwischen München und Aachen hin und her jetten könne, ja sie riskierte hemmungslos Unsittliches "Ach - stell Dir vor, wir hätten Sex in 5000 Meter Höhe....."!
Der Ingenieur versicherte, dass er weder einen Pilotenschein noch das Geld für eine Cessna habe und bat um ein weiteres Foto, wobei er nochmals anfing, von faltigen Körperteilen älterer Damen zu schwärmen. Hiltrud besuchte daraufhin ihre Freundin Luise die eine digitale Kamera besaß. Es war ein recht freundlicher Tag - den beiden Frauen erschien der Balkon mit seinen blühenden Hängepflanzen deshalb der geeignete Hintergrund für ein schmeichelhaftes Foto. Dennoch - als Hiltrud am Abend die neuen Portraits in ihren Rechner betrachtete, weinte sie fast. Ihr Gesicht im harten schonungslosen Tageslicht war unzweifelhaft das einer alten Frau.
Hiltrud schickte das Foto nach Aachen - vielleicht, vielleicht mochte er sie ja auch so in all ihrer Jämmerlichkeit. Schließlich war sie ein netter Mensch.....?
Aber sie ahnte - das war das Ende. Die Abschiedsmail war reizend formuliert: Der Ingenieur bewunderte den Esprit der "junggebliebenen alten Dame" und wünschte ihr gute Gesundheit und ein gemütliches Wochenende.
Hltrud brauchte eine Woche, bis sie die Niederlage verdaut hatte.

Fortsetzung folgt

Die Seniorin aus München hatte inzwischen begriffen, dass das Anbändeln mit weit entfernt wohnenden Herren mehr Frust als Lust bot. Wenn sie die eindeutigen Texte ihrer Verehrer auf dem Bildschirm las, schwankte sie zwischen Abscheu und Lust - eine Lust die freilich geradezu quälend nach reellen kräftigen Männerarmen verlangte. Anfangs hatte das Kopfkino via Laptop-Screen ja noch gewisse Reize. Aber nach kurzer Zeit sehnte sich Hiltrud zurück in eine computerlose Zeit, in der es noch üblich war, dass man sich begegnete, in die Augen sah, miteinander redete und schliesslich - Gipfel der kühnen Annäherung - die Hand des Anderen berühren durfte. Wiie groß war deshalb die Freude, als der erste Herr aus München in Wiltruds Profil auftauchte. Die alte Dame fackelte nicht lange und bot ein Treffen an. Beileibe nicht zu Hause - wer weiss schon, was sich hinter dem netten Gesicht verbirgt - ein mordender Wüstling, dem man hilflos in den eigenen vier Wänden ausgeliefert ist - huch. Der Interessent zeigte sich verständnisvoll und Hiltrud durfte sich nach langer Zeit wieder auf ein ganz altmodisches Date am Münchner Stachus vor der Buchhandlung Hugendubel freuen.Mail vom 23. Oktober an Brigitte Mooshuber 23 UhrLiebste Biggi, Wie geht es Dir? und Danke für das nette Foto von Dir mit Deinen zwei prächtigen Enkeln. Ach - mein einziger Enkel treibt sich irgendwo im amerikanischen Westen rum und meine Tochter macht Urlaub in Teneriffa und ich sitz hier allein und bin froh, dass ich den Computer hab und Dir schreiben kann . Ach liebste Biggi - mir gehts schlecht! Dabei hatte alles so schön angefangen: Du weisst doch - ich bin in diesem Internet-Forum, wo man ältere Herren kennenlernen kann. Und da hatte ic h endlich mal einen aus München, der an mir interessiert war. Gestern haben wir uns zum ersten Mal getroffen, am Stachus vor der Buchhandlung Hugendubel - wo man sich nicht verfehlen kann. Als ich aus der U-Bahn-Haltestelle rauskam, hab ich ihn schon von weitem gesehen, wie er angestrengt auf den Brunnenplatz guckte und es durchfuhr mich ein ganz mieses Gefühl: Boä - son Tattergreis....!Liebe Brigitte, ich weiss schon was Du jetzt sagen wirst: Dass ich schliesslich auch ne Alte bin und von wegen Ansprüche - haste ja recht...Aber es reicht schliesslich wenn ich zittrig bin und da will ich einen, der nicht zittert sondern mich mit starken Armen hält. Nun ja - ich bin ein guterzogener Mensch und bin lächelnd auf ihn zu und wir haben über das Wetter geredet und dass es ein ganz milder Oktobertag ist und wir noch draussen vor dem Cafe sitzen können. Seine Stimme passte zu dem Klappergestell und der käsig-blassen fleckigen Haute, brüchig und etwas gequetscht, man merkte, dass er nicht gewohnt war, viel zu reden. Natürlich wollte ich wissen, aus welcher sozialen Ecke er kam und er erzählte, dass er Schlosser gelernt hatte aber später ins kaufmännische gewechselt und war dann Supermarktleiter in irgendeinem bayerischen Kaff und jetzt seit 24 Jahren in Rente und die Frau ist vor drei Jahren getorben....Ach Brigitte - es war schrecklich - er tat mir ja auch leid - aber mehr Gefühl für ihn konnte ich einfach nicht aufbringen. Und das war nun der erste und einzige Mensch aus München mit der Aussicht auf eine solide Beziehung. Ganz blöd war er natürlich nicht und hat gleich gemerkt , dass zwischen uns nichts laufen konnte. Hat sich immerhin mit einem letzten Rest von Würde verabschiedet - nein kein Wunsch nach einem weiteren Treffen - ich hab ihm trotzdem meine Telefon-Nr gegeben. So zum Trost.......Was soll ich bloss machen, Brigitte? Hat man in meinem Alter überhaupt noch eine Chance? Jetzt wünsch ich Dir noch einen guten Tag - Deine unglückliche Hiltrud

Die Autorin Ellen Vakily schreibt über sich selbst:

Also ich bin Jahrgang 1931. geboren in Köln, aufgewachsen in Essen und Gummersbach. Gymnasium bis zur 11. Klasse, dann Textilentwurf an der Folkwang-Werkkunstschule studiert. Arbeit als Designerin in der Wuppertaler Möbelstoffindustrie. 1. Ehe mit dem Textilingenieur Meyer. 1961  Flucht nach München, diverse Jobs als Zeichnerin und 2. Ehe mit dem persischen Kunstmaler Helmut Vakily. zwei Kinder großgezogen, Möbel, Wände und Autos bemalt. Dann Hilfsjob im Goethe-Institut und erste professionelle journalistische Arbeiten für den HR in Frankfurt - Features und ein Reisebericht über Thailand und Malaysia. Nach der Scheidung Anfang der 80er Jahre 18 Jahre lang Artikel für Computerzeitungen geschrieben.
Als Rentnerin, zwei Jahre in Paris den Enkel gehütet, dann in einem historischen Gemäuer Fresken gemalt, und viele schöne Videogames mit Erfolg zu Ende gespielt. 2015 das erste Buch geschrieben.