Manfred Pieske: Karneval im "Schwarzen Adler"

Der Schriftsteller und Journalist Manfred Pieske aus Ahlens Partnerstadt Teltow nimmt die Bürger von Teltow in seinen Geschichten gerne unter die Lupe. Wir danken unserem Gastautor für seine Geschichte.

KARNEVAL IM „SCHWARZEN ADLER“

DURCH DAS DIFFUSE LICHT DES SAALS SCHLICH eine mir bekannte Person. Allein dieser Gang, diese Haltung. Und dann, so scharf ich auch hinsah, war die Bekanntheit wieder fort.  Aber immerhin, was für eine Gestalt. Was für eine gefühlte Verlaustheit, die das graue, zipfelnde, ungepflegte Haar selbst in diesem Zwielicht hatte. Die Gestalt dünstete eine unsagbare, geradezu ins Auge schneidende, hier nicht hergehörige Provokation aus. Diese leere Tetra-Pak-Tüte mit ihren Schleifspuren von billigem Rotwein, vorgestreckt  höchst eindeutig, so suggestiv bettelnd, dass die karnevalistische Fröhlichkeit verstummte, sobald diese Gestalt auf einen Tisch zutrat. Immer wieder die Tüte wie ein Geschoss, ein Angriff auf die wohlsituierte Scham, dies vorgetragen mit devoter Elendsstimme, die da, scheinbar  zahnlückig, monoton, wie halb erloschen, leierte: „Haste mal `ne Mark?“

Wer wollte sich dem wohl entziehen? Vor sich die graue Elendsgestalt und obendrein ohrenberückend angesprochen, sahen nur die wenigsten weg. Die Männer nestelten aus ihren Hosentaschen Kleingeld hervor; die Mark kam, fiel in die Tetra-Pak-Tüte, und die Elendsgestalt dankte, ging weiter. Am nächsten Tisch wieder die nüchtern machende Zeremonie. Ein sich vollziehender Rundgang. Nur Hartgesottene oder bereits Betrunkene widerstanden der Zumutung, so ein Mann, der unterm Tisch abtauchte. Allerdings nicht, um sich der bettelnden Person zu entziehen, sondern, wie sich herausstellte, um eine Haftschale zu suchen, die ihm nach einem Witz, brüllend belacht, vom Auge heruntergesprungen war. Aber meine Aufmerksamkeit kehrte da schon zurück zu dem grauhaarigen Weibsbild, das hier weiter sein Unwesen trieb, und die Stimmung bekam da und dort sogar einen unlustigen Knacks!

Dies Gefühl war zum Glück schnell fort. Schließlich hatte man sich frei gekauft, nicht wahr, durch die eingeforderte Mark, und so war es vorbei mit dem beschämenden Angriff auf die eigene Wohlsituiertheit, die sich in ein lächerliches Kostüm gezwängt hatte, um einige Stunden ein sorgenfreier Narr zu sein. Ringsum Glamour und Konfetti. Die Lichtorgeln orgeln über die Saaldecke hin, ein schwindelig machendes Geglitzer, das Verrauschen von Stimmen. Sektkorken knallen sanft, wie puffend, von der Theke herüber, Gelächter. Was für eine Überhitzung im Saal.  Steifbeinig tanzt das Männerballett. Huldvoll dankt das Prinzenpaar für die Darbietung. Was für eine übermäßige Turbulenz. Überall Rufe, Pfiffe, ja sogar röhrende, nicht definierbare Laute. Diese Musik, diese Gesänge. „Es war einmal ein treuer Husar“, schmettert die Disko überleitend, als das  Männerballett abtritt, und alle Münder gehen auf, und der Gesang quillt gewaltig über Zunge und Lippen, die Füße stampfen den Takt. Nur die Unperson, das grauhaarige Weibsbild, singt nicht, bleibt hingebungsvoll aufs Geschäftliche aus, eine Konzentriertheit, die mir – immerhin! – Achtung abnötigt.

Ich folgte der Frau, die mittlerweile in die Bar eingedrungen war. Vor mir ein enger, unbelüfteter  Schlauch, in dem die  Luft dick wie  Tinte stand. Nur wenig Licht glomm. Alle Barhocker waren besetzt, vor mir ein paar Rücken, vorgebeugt, damit die Ellenbogen auf der Getränke-Rampe abgestützt werden konnten.

Unbemerkt kam ich hinter der bettelnden Person zu stehen und hörte ihre Stimme. Da war alles klar. Oh, wie hatte selbst ich mich täuschen lassen. Schnell trat ich den Rückzug an, wenigstens zwei Schritte. Wo nur hatte ich meine Augen solange? Vor mir stand meine Frau! Ohne mich eines Blickes zu würdigen, drängte sie sich durch das Gewühle, heran an die Bar, zwischen ein Pärchen, klappte die Tetra-Pak-Tüte auf, schüttete die Münzen auf die Rampe und zählte nach.  Sieben Mark. „Da“, sagte sie, „das Blaue in den Gläsern, das will ich auch haben. Was kostet das?“ Ja, und ihr Geld reichte, sie bekam den Drink, nippte daran, sah zu dem Mann, dann zu der Frau neben ihr, und sagte: „Na denn, Prost.“

„Wo kommste denn her“, fragte der Mann, nachdem er die verwahrloste Gestalt neben sich von oben bis unten betrachtet hatte.
„Aus Charlottenburg. Da hab ich einen Schlafplatz in einer Ladenniesche, mein Stammquartier.“
„In einer Ladenniesche?“  
„Ist nicht lustig, jetzt Ende Januar.“
„Mann“, sagte die Frau.
Die Drei kamen ins Gespräch, meine Frau wieder  zahnlückig lispelnd, die anderen beiden mit weichen Stimmen, mitfühlend, während ihre Köpfe zurückwichen, ihre Blicke die Person abtastend. Nein, hier lag kein Irrtum vor, beide nickten sich zu. Kein Kostüm, alles echt. Weite plustrige Hosen, geflickt. Der fleckige Pullover. Das verfilzte graue Haar. Die rot geränderten Augen. Und dann die Rotwein-Tetrapak-Tüte! „O Gott“, rief die Frau ihrem Mann zu. „Das ist ja nicht zum Aushalten.“
„Doch“, sagte meine Frau. Dann erzählte sie von ihrem Leben, ein Charlottenburger Erlebnisbericht (dort musste sie täglich lang,  um zu ihrem Arbeitsplatz in Heidi´s Spielzeugladen zu kommen). „Haste mal `ne Mark“, hieß es da jedesmal, und es kam zu Gesprächen über die verschiedenen Arten Leben, manchmal, wenn sie was hingelegt hatte, eine nicht zu kleine Münze, mindestens die Mark.

„Und ihr?“, sagte meine Frau an der Barrampe und schob sich nun ganz zwischen das Ehepaar. „Seid ihr denn glücklich?
 „Glücklich?“ Der Mann und die Frau sahen sich an. Beide um die Fünfunddreißig, überlegten, schienen in sich hinein zu horchen.  
„Na ja“, sagte der Mann langsam, gedehnt.
Und die Frau sah ihren Mann an, forschend, sagte dann keineswegs spontan, eher ebenso langsam: „Doch, doch.“  
Das Gespräch stockte. Der Mann und die Frau sahen in ihre Cocktailgläser.
„Ach ja, tanzen“, sagte meine Frau, um vom Glück wegzukommen, dass den beiden zu schaffen machte, noch immer, und sie schlenkerte mit den Armen.
„Möchtest du denn auch mal?“
„Wär schon schön.“
Die Frau stieß ihren Mann an und sagte: „Los, tanz mal mit ihr.“
Der Mann überhörte das, gab lieber noch einen Drink aus, und dann waren die beiden fort, verschwanden nebenan im Getümmel der Tanzfläche.

Von der Bartür her stampfende Rhythmen, Schweißgeruch, Essensgerüche, während meine Frau die nächsten Opfer ansteuerte, wieder fragte: „Seid ihr glücklich?“ Das Ergebnis fiel nicht besser aus, und ich sagte: „Komm bloß. Bring die verrückte Perücke bloß in die Garderobe.“
Aber daraus wurde nichts. Meine Frau wollte weitermachen, zog in den vorderen Wirtshaus-Trakt.

Auch dort neues Aufsehen, erregende Auftritte, leiernd, mit devot verbogener, aufdringlich bettelndem Timbre: „Haste mal `ne Mark?“
„Nein“, sagte höchst kategorisch Wolfgang Dahms, der  meine Frau in ihrer Kostümage nicht erkannte.  Und er wurde noch strenger, auch lauter.
 „Bitte“, sagte Dahms, der zum Altinventar des DAMENELFERRATS gehörte und hier viel zu sagen hatte, „wie sind Sie hier überhaupt reingekommen?“
„Na, mit Eintrittskarte.“
„Aha.“
„Haste mal `ne letzte Mark?“
„Nee.“ Dahms hatte seine Prinzipien. Sah nun doch rot. Nun ganz Amtsperson, verbat er sich das Anbetteln der werten Gästeschaft. Empört zitterten seine Bartspitzen. Was für ein Gaudi.

Unterdessen bildete sich um die beiden ein Kreis, eine gemischte Gesellschaft: einige Freunde, die die Maskerade mittlerweile durchschauten, glucksten vor Vergnügen, flüsterten es anderen zu, wer die Charlottenburgerin sei, während Wolfgang Dahms nun noch strenger für Rausschmiss plädierte. Bis weitere Zurufe kamen. Da, mitten in einer Grundsatzrede über unerlaubtes Betteln, schob er den Kopf vor, spähte in das Gesicht der räudig ausschauenden Person, die sich im verfilzten grauen Haar kratzte, und er sagte: „Ach was! Ach du Schande! Na so was!“ Nun ein Lachen, das ihn fast umwarf. Ein Augenblick, den er nicht auskosten konnte, die Bütt rief, und er musste los. Er musste sich noch umkleiden.