Manfred Pieske: Telti und Schnuffel

Um die Tierliebe im allgemeinen geht in der nächsten Geschichte unseres Gastautors aus Teltow. Viel Spaß beim Lesen!

Manfred Pieske

TELTI UND SCHNUFFEL

DER DENKWÜRDIGKEITEN GAB ES VIELE, sogar eine erzählenswerte Liebesgeschichte, die sich in Meerschweinchen-Kreisen zutrug. Dass es dazu kommen konnte, hatte etwas mit meinem gutgläubigen Naturell zu tun. Vielleicht auch mit dem einen und anderen Bier (nebst Kümmerling), das ich während jener Wochenmarkttage zu mir nahm, und so geschah, was durchaus abwendbar war, nämlich: Unverhofft, am bereits späten Vormittag, gegen zwölf Uhr dreißig, kurz vor Marktschluss, traten Telti und Schnuffel in mein Leben. Das war ein Zeitpunkt, der sich, zumindest auf dem Wochenmarkt,
für Überraschungen gar nicht mehr eignete.

Die Händler packten bereits ihre sieben Sachen zusammen, verstauten alles Unverkaufte in Kisten und Kiepen und schleppten bereits Abkömmliches zu ihren Autos, ein Moment, den ich hasste, dies Hin- und Hergerenne, diese Unruhe, die die von mir geliebte Marktatmosphäre zerstörte. Dabei war doch längst nicht Schluss! Ja, es wurde sogar noch einmal spannend, oft genug jedenfalls.  
Erst zu dem Zeitpunkt betraten die Finalisten, wie ich sie nannte, den Wochenmarkt. Alles Resteaufkäufer, die sich unlustigen Gesichts den Ständen näherten, während die Händler sauermienig dastanden. Aber, sie konnten einfach nicht anders, anlockend schoben sie ihr Gemüse auf die Tischkante. Der Kampf konnte beginnen. Unterdessen liefen die Finalisten wie abwesend von Stand zu Stand, winkten nach kurzem Blick auf die Preisschilder ab und waren schon weiter, liefen gemächlich (oder hatten sie etwa heute noch was vor?)  in der Runde, traten  mürrisch da und dort  erneut an die Tische heran und warteten darauf, dass der Händler endlich die Nerven verlor, den bereits auf die Hälfte heruntergesetzten Preis noch einmal halbierte. Zum Vorteil beider Seiten gingen so die letzten Apfel-Horden weg, ja, sogar das letzte Stück
Frischgemüse wechselte spottbillig den Besitzer.

Im Angebot war noch manch Anderes, das sich nicht ohne Weiteres an den Mann bringen ließ, ja dem Händler schon einige Bauernschläue abverlangte, wollte er es nicht wieder mit nach Hause nehmen. Solch ein Fall lag am Nachbarstand vor. Dort gab es kein Obst, kein Gemüse, rein gar nichts mehr, nur noch zwei winzige Meerschweinchen, und ich fragte, was mit denen werde.
„Na nischt“, sagte der drahtige Nachbarstand-Betreiber. „Die kriejen die wilden Katzen“, und er deutete hinüber zu den Büschen, die den Markt umgrenzten.
Das war eine Mitteilung, die mir nicht gefiel. Ich war, nach einem Blick auf die kleinen, niedlichen Wesen, entsetzt. Was für ein Barbar. Der Mann, der mit spitzem Gesicht und leicht schiefer Nase ohnehin recht rustikal aussah, schien überhaupt ein herzloser Geselle zu sein. Neben Obst und Gemüse handelte er mit Hähnchen, die von ihm in der Frühe geschlachtet und gerupft worden waren, auch mit toten Kaninchen und anderem Getier, und er blieb dabei, die Meerschweinchen würden einen Rücktransport nicht lohnen. „Nur unnötige Fresser.“
„Recht so“, sagte Freund Derlig. „Die Katzen wollen hier nicht dauernd Ratten fressen, sondern auch mal was Besseres.“
 Wortlos legte ich einen Zehner hin, holte den Korb mit den beiden Meerschweinchen zu mir herüber und nahm sie mit nach Hause.
Am Wochenanfang lachte Derlig schallend, rief: „Wir wollten nur mal sehn“, und er bot an, die Meerschweinchen in die große Voliere auf dem Hof des  „Haus Stubenrauch“ einzuquartieren (dem heutigen CASA MIA). Aber da war es schon zu spät. Die Meerschweinchen hatten längst Namen, das Schwarzweiße hieß TELTI, das Braunweiße SCHNUFFEL, und beide wurden ein unzertrennliches Paar. Telti, wieselflink und fürsorglich um ihn herum, überließ ihm beim Fressen stets den Vortritt. Schnuffel, von Natur her etwas träge, nahm dies gelassen, ja geradezu selbstverständlich hin. Ja, er  hatte auch nichts dagegen, dass sie sich um seine Fellpflege kümmerte, ihre Anhänglichkeit war groß. Inspizierte Telti einmal außerhalb des Käfigs die Veranda, pfiff er aufgeregt hinter ihr her. Ähnlich aufgeregt war sie, als Schnuffel eine Reise zum Onkel Doktor antrat, kastriert zurückkehrte und zunächst in einer anderen Kiste kampierte.  
Telti fraß während dieser Trennungstage nicht, saß in der Ecke, schlief viel.

Damit war es vorbei, als Schnuffel ins gemeinsame Gehäuse zurückkehrte. Oh, welche eine Aufregung. Sofort war sie um ihn herum, beschnupperte ihn, leckte ihn ab, und er nahm das alles, noch leidend, sehr in sich gekehrt hin. Eines schönen Frühlingstages hatte sie aber genug von seiner Freudlosigkeit, stupste ihn an, wollte was von ihm, dass er nicht deuten konnte. Und er? Sah voll Unverständnis auf ihre bedrängende Art, wollte seine Ruhe haben und verkroch sich im gemeinsamen Schlafgemach.
Beide wurden als Maskottchen des Stadt-Blatts kleine Berühmtheiten. Als Schnuffel nach Jahren starb, fraß Telti immer weniger, und ein paar Wochen später war es auch mit ihr vorbei.