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Hans Sasse (*1923 + 2019)

hat nicht nur schöne Gedichte, sondern auch amüsante Geschichten in plattdeutscher Sprache geschrieben. Eine davon ist "Jans Lünink". Wir wünschen viel Spaß beim Lesen (auch in hochdeutscher Übersetzung)!

Hans Sasse (*1923 +2019)



Jans Lünink

Jans Lünink‘s wass ‘n aollen Twiärsdriwer. Nich dat he sinen Kopp üöwerall mit Gewolt dörsetten wull, ne, he har lülk wat van‘n Ulenspaigel an sik un lait sik auk dat Moos nich op‘n Kopp hacken.

He wuenere in Dülbrügg nao Biäkem to op Laumanns Kuotten. Dao har he sik in die diättige Jaoren inhieraot‘t. Sine Frau Libätt wass in lesten Krieg stuorben. Den öllsten Suen Willm har he bi sik un de Swiegerdochter Meta vesuorgte äm. Met Meta vestonn he sik guet. Se dai alls för em un lait‘n süss man so laupen. Dat wass dat Klökste, wat se doen konn.

Eenen gueden Dags nu, kuort no‘n Krieg, so um niegentainhunnertfüfftig harüm, kamm ‘n Breef van‘t Wuenungsamt in Aolen. Se wullen in sin Hüüsken twe Stuobens met Beschlag beläggen um lüe unnertebrengen. Jans wass stantepe up‘t Raothuus buoßen un har sik beswäört. Äs he met de Kärls nich trechtkuemen konn, laip he no‘n Büörgermester. De har, wull mär um‘n iärst äs loss te wären, tosaggt, dat he sik dat Wiärks up Jans Hoff sölws bekieken wull. Naichsten Muondag klock tain Ur quamm hie förbi.

Muondags quamm nu de Büörgermester met de twe Kärls van‘t Amt. Se nommen dat heele Anwiesen in Augenschien. De beiden Kärls, met de he sik up‘ Raothuus all harümslaon har, menden afslut de Stuoben wäören för Inwiesungszwecke best-guet geegnet. Jans wuor allmankst war wane. He holt sik owwer no trügg un sagg bloss, de Stuoben hären kien Lecht un kien Water un dat se allbieneen man een Plumpskloo up‘n Hoff hären. Düsse Tostänne können se fruemde Lüe ja nich guet an‘n Sinn sien.

Nu satt de Büörgermester tüschken twee Stööl. He slaog sik för‘t Iärste op de Siet van sine Beamten. Naogieben konn he later au kno wull. Dacht he sik.

Äs Jans nu miärkere, dat siene Saak nich so guet stonn äs he gloff, dao gongen de Piär met em düör. He fuor op den Büörgermester loss äs‘n Ossen.

„Wat häs denn drin in dienen Kopp ?“ raip he,“nix äs Hai un Strau. Met us kleinen Lüe kanns dat als maken. An de Grauten trues di nich haran. Waorüm gaihs du nich nao ussen Naober Schult Graute Wirlings. De hätt Platz genog in sien Härenhuus. Owwer dat fleit‘t de Lüninge all van‘t Dack, dat du de Schultenmiärske gähn lieen maggs, du Ieselsdriwer, du Pattkendriter!“

Da laip de Büörgermester raut an för Vernien. He sagg to siene Beamten: „Sie sind meine Zeugen“ un to Jans groff: „Vor Gericht sehen wir uns wieder.“

Daomet wass de Besöök van‘n Büörgermester an‘n End un sein Plattküern auk.

Äs se wiet genog wäggwüörn, sagg Meta to Jans: „Vader, Vader, wat sall daobi nu wull harutkuemen. Datt wass just nich naidig am de däölike Küerie um de Schultenmiärske an‘n Kopp te smieten.“

„O‘watt“, sagg Jans, tedderig äs he no wass: „Met son Janhagelstüg kanns garnich rugg genog ümgaon. We sik wiärt behölt sin Piärd. De künnt Jans Lünings all bineen äs an de Kunte klaien.“

Et vergöngen guet drei Wiärken, dao kamm Terro Solms, de Breefdriäger met‘n Breef. „Wat häs du denn met dat Hohenhuus in Aolen te doen?“ fraogg Terro, nieschierig äs Breefdriäges so sind. „Drink die man iärst ‘n Snäpsken,“ sagg Jans, „ick mak em iäms loss. Kiek die dat an,“ gnuere he, „ne Vorladung is dat tom diätten April Muorns niegen Ur op‘t Gericht. Angeklagt wegen Beleidigung des Bürgermeisters, staiht do.“

„Du, Jans, dat ist owwer ‘n laiget Wiärks,“ menn Terro. „Dao häs dat Enne no nich von saihen.“ Dann mok he sik up‘n Patt. Un daomet wass‘t denn auk wiet genog.

Bi Holtkamps inne Wärtsstuow, wo Jans sik mankst ‘n Beerken drank, fraoggen se em so ächtenrüm, wat he denn met dat Gericht in Aolen te doen här. Worum dat gönk wussen se all längst, se wullen am bloss ‘n bietken öwen. Jans gnöchelde vergnögt, „O watt aolle döärlike Quaterie, dao gao ick doch patt garnich hen. De könnt mi äs.“ „Ick glaiw owwer nich, dat du dat war mäcks,“ mende Öhm Holtkamps.

„Wat ji te wehern häwwt, ji Bangebüxen“ haoll Jans detiegen, „ick gao de nich hen un daomet basta!“

De Gerichtsdag wass nu harankuemen, dao gonk Jans muornsnao Holtkamps. Dao stonnen de Gliewenkiekers all bieneene to gnesen. Jans mook ‘n drüeget Gesicht so guet äs he‘t konn un bestellere sik‘n Snäpsken un‘n Beer. Öhm Holtkamps wass de Iärste, de för Nieschier nich mähr an sik haollen konn. „Sägg äs Jans,“ fraogg he, „moggs du nich vandage nao Aolen hen, just um düsse Tied?“ „Ick häww di‘t doch harre nog säggt, dat‘k de nich hengao. Du wulls mi dat ja nich glaiwen. Glöffst denn nu?“

In‘t Gericht haren se all op em waocht. De Richterr har nao ‘n bietken togiewen. Dann lait he den Büörgermester und de annern Tügen harinropen. Jans failere unentschülligt. Dao stonn he op, satt dien Berettken op‘n Kopp un sagg: „Beschlossen und verkündet: Die nächste Verhandlung findet am 10. April um 9 Uhr in diesem Saale statt. Der Angeklagte wird vorgeführt.“

Annern Daggs gaonk Jans wier nao Holtkamps. He wull bloss wieten, wat dat in Aolen giewwen har. He gaonk davon ut, dat ‘n paar liederwämse nao Aolen fuort wassen, män blos um te kieken, off Jans nu würglik nich hengaon wass. Un richtig genoog, he har sienen Kopp nao nich dör de Döer, dao follen se all üöwer em her. „Jä, Jans, nu häölt die naichste Wiärk de Polsei.“ Jans lachere üöwert heele Gesicht un mende: „wat ji man alls häwwst. De laot‘t man kuemen, de makt lange Gesichter“. „Mi dücht,“ sagg Öhm Holtkamps, „dat häs nu patt üöwerdriewen.“ „Wocht män bit Gericht sallt se die diene Vewiägenheiten wull bestrieken.“

Äs de Gerichtsdag nu kuemen wass, stonn Jdans fröhmuorns um veer Ur op, trok sik sein guete Wams un Holsken an, namm Hot un Handstock un gaonk ut‘n Huuse.

Meta lagg in‘t Berre un lusterte. Se staut iörn Willm an. „Häör äs,“ raip se, „wat bänkstreert Vader so fröh all in‘t Huus harum?“ „Drai di um un slaop wieder“, sagg Willm, „du weest doch, an ussen Vader könnt wi doch nix küern.“

Um klock sess kamm de Polsei met dat grööne Auto op‘n Hoff. Meta kamm just met‘n Miälkemmer ut‘n Siegenstall äs de Wagen um de Eck fuort.

„Guten Morgen, Frau Lünink,“ saggebn de Polsisten, „wir müssen ihren Schwiegervater abholen und aufs Gericht bringen. Wo ist er denn?“

Meta wass heel verbiestert. „Vader is de nich, he is all för Dau un Dagg unt‘n Huuse gaon,“ gaff se an. „He hätt nich säggt, wo he hen wull.“

Dao wassen de beiden Polsisten platt. Se gongen eenmaol dört Huus un wullen de Slaopkammer von Jans saihen. Dann keiken se nao in‘n Stall. Jans wass dört Lock. Siepstiärks steegen se wier in‘t Auto un fuorten äff. Sie fuoren in iähre Naut nao ne Wiele dör de Giegent ow iähr Jans nich tofällig üöwern Wägg laip. Kuort för niegen quammen se in‘t Gericht an. Do satt Jans äs wenn nix wiest wüör, ob de Bank un gnesere de Polsisten an. „Jä ji Häärns sint ji auk all dao. To‘t Affhalen sind ji lük de lat kuemen. Ich stao ümmer so fröh up.“

De Gerichtdainer raip se alle harin. Jans mogg up dat Anklagebänksken. Wat‘n Bohai, dach Jans.

In de Verhandlunk fuort äm de Richter forts budd an. He wull wieten warum Jans dat läste Maol nich kuemen wüör. Nnur här de Polsei äm affhalen mosst. Jans sagg so smöe äs äm dat müglik wass, „Här Richter dat stimmt nu patt nich. Äs mi de Polsei vömuorn affhalen wull, wass ick all längs unnerwäggens. Ick sin te Foot von Dülbrügg nao Aolen laupen un ganz friwillig op‘t Gericht kuemen.“

Worüm he denn dat läste Maol nich auk so friwillig kumen wüör, frogg de Richter lubietsk.

„Ja, Här Richter, hauget Gericht, stellt ju dat äs för, just äs ick lossgaon wull – ick har dat guete Wams all an – dao wuor usse Lisa, wat usse Siegg is, Melk. Un Meta miene Swiegerdochter sagg to mi, Vader lot mi blos met dat arme Dier nich alleen. Du weest doch, Lammerbüörn is Mannslüesak. Hauget Gericht un dao häww ick iärst doon, wat neirig wass. Twee Lammer kreeg usse Lisa. Un äs ik dat Vee guet vesuorgt har,dao wass‘t all tain Ur un to‘t Kuemen te lat wuorn.“

Laigen konn he würglik guet. ‘n Avkoot härt nich biätter konnt.

„Können sie nicht Hochdeutsch reden,“ frogg de Richter, „von ihrem Plattdeutsch habe ich nicht die Hälfte verstanden.“

„Sieker kann ik auk hauchdütsch küern, Hauget Gericht“, sagg Jans, „owwer akroter ut-drücken kann ik mi patt op platt.“

„Schöne Märchen, die sie uns hier auftischen“, mede de Richter, ünn dann wull he von em wieten, wie dat met den Büörgermester wiest wüör. He här beleidigende Utdrücke verwendet un Ieselsdriewer un Pattkendrieter to em säggt.

„Was mit Ieselsdriwer gemeint ist, kann ich mir denken“, sagg he, „aber der Ausdruck Pattkendrieter sagt mir garnichts.‘“

Dao mischkere sik een van de Schöffen in, wull mär um sik wichtig te doon, un vekläörde, dat een, de mit siene Quanten dör de Driete gaon wör, nu met de äösigen Scho nich miähr in‘t Huus kuemen dröff.
„De weet doch nix dafon,“ raip Jans detüschken, „‘n Pattkendrieter, dat ist een, de äs neirig inne Fixbaunen mott, un sik daobi in de Hdacken schitt.“ De heele Gerichtssaal brüllte för Lachen.

Dao unnerbrock de Richter de Vehandlunk. Äs se trügg quammen, haren se besloeten, Jans iärst äs op sienen Geistestostand unnersöken te laoten.

Nu wass Jans all drei Dagge in Marienthal. De Polsei har am eenen Dages affhalt un nao Mönster henbracht. Dat dat met de Unnersöökug nich so ganz eenfach afgaon dei, har he sik förhär all dacht. Owwer so laig, äs dat nu kuemen wass, har he sik‘s üöwerhaupts nich försellen konnt. In de iärste Nacht har he kien Aug tokriegen. Hhe lagg in‘n grauten Saal mitten tüschken de annern Patienten. Nette Patienten. Hier wass eener ant Krijölen, dao wass een annern an‘t Bramschken. Äs Jans dach, he könn nu endlinks insloapen, dao fonk in de achterste Eck eeneran to singen:

„Dielilittken, spiel nao bietken, is jä nao nich düster, wenn du denn nao Huuse kümms, kriggs wat met‘n Püster.“ Un dann trock äm ‘n afscheiliken Rüeck in de Niäse. Dao fonk wier een annern an te singen:

„Dielilitt, da Kind dat schitt, ät hat all dreimaol pupet, nimm dat Blatt un wischk dat Gatt, Adelheid wat stinket dat“.

In de Muorntöied, he wuss nich rächt, har he slaopen off nich, dao gönk dat graute Upstaon loss. Jans wuor affhaalt. He kreeg ne eegene Stuow. Dann mogg he naon Dokter kuemen. De Vörzimmermamsell was ne fröndlike Däne, dat konn man nich anneers säggen. Se namm em met in dat Zimmer van‘n Dokter. De stonn ächter sienen Schriewdischk op, quamm äm bis an de Döer entgiegen un begrüßere äm äs‘n Kabaleern. Ho dach Jans, dat gaiht öowwer vörneim to. De Doktor moek am klaor, dat he iärst äs sein körperlike Gesundheit unnersöken möss, denn mankst wüören körperliche Ursaken för geistige Fehleistungen veantwortlik. Met‘n Blootdruck fönk an. „140 zu 80, das ist ja sehr gut für ihr Alter“, mede he. Dann mogg he op‘t Fahrrad stiegen. „Donnerwetter, sie sind ja kerngesund,“ sagg de Dokter. Jans dach, nu sall ick wull wanners hier wier rutkuemen. Owweer Tied haren die. Annerdags kamm he in ne lierige Stuow. n‘n Dischk. ‘n Stool wassen drin un Papier un Bliestift laggen op‘n Dischk. De Dokter quamm un sagg, he sol äs sienen Liäbenslauf opschriewen, utfürlik owwer nich te wietlöftig. Bis Meddags könn he sik Tied laoten. Jans fonk an te schriewen. Tüschkendör quamm de Vorzimmermamsell un kaik at un to nao em. Meddags namm se sein Gesriefsel met und gonk daomet in‘t Bürro.

An‘n naichsten Dagg quamm de Dokter met sein Liäbenslauf to em. „Herr Lüning, ich muss sagen bravo. An ihrer körperlichen und geistigen Lebendigkeit besteht überhaupt kein Zweifel. Ich werde den Bericht für das Gericht entsprechend abfassen.“ „Här Dokter, dat häww ick denn dusseligen Kiärl van Richter ja all förher saggt, dat bi düsse Aperie nix herautküemen konn. Nu kriegt se‘t swatt op witt, dat Jans Lünings nich unwies ist.“

„Ihrer Entlassung steht nichts mehr im Wege,“ sagg de Dokter, „wir werden Ihnen morgen eine Fahrkarte kaufen und dann können sie mit der Bahn nach Hause fahren.“

„So gaiht dat owwer patt nich, Här Dokter,“ raip he, „de mi hier henbracht häwwt, de hat mi auk wier aff. Ick sin män nich friwillig nao je henkuemen.“

„Ganz wie sie meinen, Herr Lüning,‘“ mende de Dokter ‘n bietken insappet.

Düsse Twierskköppigkeit mogg Jans met drei Dage Upenhalt in de Anstalt betalen. Dann quammen de Polsisten förbi un brochen em nao Huus. Äs Jans dewier wass, fragte Meta: “Vertell äs Vader wi was dat dann.“ „Düftig guet is mi gaon. Här Lüning förn, Här Lünng ächten. Äs ‘n Kab‘eleer‘n häwwt‘ s mi upnuemen.“

Nun moss Jans nao eenmaol op‘t Gericht. De Vehandlunk gonk baoll förbi. De Richter wass ‘n Annern un em ducht ‘n prima Kärl, de met Jans ploattküern konn. Toiärst wuor dat Gutachten förliäsen. Alle Lüe kregen‘t nu met, dat Jans von Hiätten gesund und schon garnich unwies wass.

Dann wull de Richter wieten, wie dat dann wierst wüör, op sienen Hoff,äs de Börgermester dao wass. „Sie haben ihn beleidigt und ihn arg beschimpft.“

„Och wiett‘t s Här Richter,“ lait Jans sik verniemen, „eegentlik wull ick dat ja garnich un dat döt mi ja auk leed. Owwer de beiden Lakaien, de he daso bi sik har, de häwwt mi reinwägg tedderig maket un üöwer de Maoten upregt.“ „Dann hat je eine beleidigende Absicht im strengeren Sinne gar nicht vorgelegen,“ mende de Richter. „Das vereinfacht das Verfahren sehr. Ich schlage vor, si zahlen 30,-- DM an das Rote Kreuz und wir stellen die Sache auf Kosten der Landeskasse ein.“

Äs de Büörgermester investaon wass, sagg Jans: „De diättig Mark gaot mi äs kleinen Küötter ja leed äff, owwer wenn‘t denn daomet doon is, män to.“

Acht Dage nao den Gerichtstermin stonn Jans Muorns all fröh op. He trock sein guete Wams an un bunn sein beste Schamisken um. Meta kreegt all wier met de Angst.

„Vader“, frogg se, „wat is loss? An‘n Alldag Sunndagstüeg an, wiss bichten?“

„Nee, Nee“, gnöchelde he vegnögt, „ick mot nao eenmaol op‘t Amt un met den Büörgermester küern.“

„O Här, O Här,“ raip se „Gaiht de Weheri nu von förn wier loss? Dat du auk nich klookwärn kanns“.

„Laot män“, gaff he trügg, „Ick will äm bloss wat fraogen“. „Wat bi diene Fraogerie harut kümp, dat weet ick nu all“, sagg se‘grienensmaot.

Jans mok sik op‘n Patt un gönk in‘t Amt. He satt sik op dat Waochtebänken. Äs he nao ne Veedelstunn den Büörgermester te saihen kreeg, gonk he op em to un frogg: „Sägg äs, Büörgermester, well von us beden is denn nu eegentliks unwies, du orrer ick?‘“


Mit freundlicher Genehmigung von Hans Sasse aus seinem Buch:

N haugen Posten, dicket Gehaolt un däösig!

ISBN 3-8311-1207-X


Jans (Hans) Lüning

Hans Lüning war ein alter Quertreiber. Nicht, dass er seinen Kopf überall mit Gewalt durchsetzen wollte, nein, er hatte ein wenig von einem Eulenspiegel an sich und ließ sich auch das Geld nicht auf den Kopf hauen.

Er wohnte in Dolberg in Richtung auf Beckum zu auf Laumanns kleinem Bauernhof. Da hatte er sich in den dreißiger Jahren eingeheiratet. Seine Frau Elisabeth war im letzten Krieg gestorben. Den ältesten Sohn Wilm (Wilhelm) hatte bei sich und die Schwiegertochter Meta versorgte ihn. Mit Meta verstand er sich gut. Sie tat alles für ihn und ließ ihn sonst eben so laufen. Das war das Klügste, was sie tun konnte.

Einen guten Tages nun, kurz nach dem Krieg, so um neunzehnhundertfünfzig herum, kam ein Brief vom Wohnungsamt in Ahlen. Sie wollten in seinem Häuschen zwei Stuben mit Beschlag belegen, um Leute unterzubringen. Hans war sofort ins Rathaus gehastet (gerannt) und hatte sich beschwert. Als er mit den Männern nicht zurechtkommen konnte, lief er zum Bürgermeister. Der hatte, wohl mehr um ihn erst los zu werden, zugesagt, dass er sich die Sache (den Zustand) auf Jans Hof selbst anschauen wolle.

Montag kam nun der Bürgermeister mit den zwei Männern vom Amt. Sie nahmen das ganze Anwesen in Augenschein. Die beiden Männer, mit denen er sich auf dem Rathaus herumgeschlagen hatte, meinten abschließend, die Stuben wären für Einweisungszwecke bestens geeignet. Hans war darüber mächtig erregt. Er hielt sich aber noch zurück und sagte bloß, die Stuben hätten kein Licht und kein Wasser und dass sie alle gemeinsam nur ein Plumpsklo (Toilette) auf dem Hof hätten. Diese Zustände könnten sie fremden Leuten ja nicht gut zumuten.

Nun saß der Bürgermeister zwischen zwei Stühlen. Er schlug sich für erste auf die Seite seiner Beamten. Nachgeben könnte er auch später. Dachte er sich.

Als Hans nun merkte, dass seine Sache nicht so gut stand wie er glaubte, das gingen die Pferde mit ihm durch. Er fuhr auf den Bürgermeister los wie ein Ochse.

„Was hast denn drin in deinem Kopf ?“ rief er, „nichts wie Heu und Stroh. Mit uns kleinen Leute kannst du das alles machen. An die Großen traust dich nicht heran. Warum gehst du nicht nach unserem Nachbarn Schult Graute Wirlings. Der hat Platz genug in seinem Herrenhaus. Aber das flöten die Spatzen bereits vom Dach, dass du das Schultengelände gerne leiden magst. Du Eselstreiber, du Wegetreter (Dreckschuh ?)!“

Da lief der Bürgermeister rot an vor Wut. Er sagte zu seinen Beamten: „Sie sind meine Zeugen“ und zu Hans grob: „Vor Gericht sehen wir uns wieder.“

Damit war der Besuch vom Bürgermeister beendet und sein Plattdeutsch sprechen auch.

Als sie weit genug weg waren, sagte Meta zu Hans: „Vater, Vater, was soll dabei nun wohl herauskommen. Das war gerade nicht nötig, ihm die dörfliche Rederei über das Schultengelände an den Kopf zu schmeißen“.

„Ach was“, sagte Hans, streitbar wie er nur war: “Mit solch einem Gesindel kannst du gar nicht rau genug umgehen. Wer sich wehrt behält sein Pferd. Die können Hans Lünings alle zusammen am Hinterteil (Hintern) kratzen“.

Es vergingen gut drei Wochen, da kam Terro (Theodor) Solms, der Briefträger mit einem Brief. „Was hast du denn mit dem Gericht in Ahlen zu tun?“ fragte Terro, neugierig wie Briefträger so sind. „Trink dir man erst ein Schnäpschen“, sagte Hans, „ich mach ihn eben auf, Sieh dir das an,“ brummte er, „eine Vorladung ist das zum dritten April morgens neun Uhr auf das Gericht. Angeklagt wegen Beleidigung des Bürgermeisters, steht da“.

„Du, Hans, das ist aber eine schlechte Sache“, meinte Terro. „Davon hast du das Ende noch nicht gesehen“. Dann machte er sich auf den Weg. Und damit war es den auch weit genug.

Bei Holtkamps in der Wirtsstube, wo Hans sich manchmal ein Bierchen trank, fragten sie ihn so hintenherum, was er denn mit dem Gericht in Ahlen zu tun hätte. Warum das ging wussten sie bereits, sie wollten ihn bloß ein bisschen foppen. Hans schmunzelte vergnügt. „Oh was alte dörfliche Gerede, da geh ich doch absolut nicht hin. Die können mich mal‘“. „Ich glaube aber nicht, dass du das wahr machst“, meine Onkel Holtkamps.

„Was ihr zu wehren habt, ihr Angsthasen“hielt Hans dagegen „ich geh da nicht hin und damit Schluss!“

Der Gerichtstag war nun gekommen, da ging Hans morgen nach Holtkamps. Da standen die Spanner alle grinsend beieinander. Hans machte ein trockenes Gesicht, so gut er es konnte und bestellte sich ein Schnäpschen und ein Bier. Onkel Holtkamps war der erste, der vor Neugier nicht mehr an sich halten konnte. „Sag mal Hans“, fragte er, „musst du nicht heute nach Ahlen hin, gerade um diese Zeit?“ „Ich hatte dir doch klar genug gesagt, dass ich nicht hingehe. Du wolltest mir das ja nicht glauben. Glaubst du es den nun?“

Im Gericht hatten sie alle auf ihn gewartet. Der Richter hatte noch ein bisschen zugegeben (gewartet). Dann ließ er den Bürgermeister und die anderen Zeugen hereinrufen. Hans fehlt unentschuldigt. Da stand er auf, setzte sein Barettchen auf den Kopf und sagte: „Beschlossen und verkündet: Die nächste Verhandlung findet am 10. April um 9 Uhr in diesem Saale statt. Der Angeklagte wird vorgeführt.“

Anderntags ging Hans wieder nach Holtkamps. Er wollte bloß wissen, was das in Ahlen gegeben hatte. Er ging davon aus, das ein paar Taugenichtse nach Ahlen gefahren waren, nur bloß um zu schauen, ob Hans nun wirklich nicht hingegangen war. Und richtig genug, er hatte seinen Kopf noch nicht durch die Tür gesteckt, da fielen sie alle über ihn her. „Ja, Hans, nun holt dich nächste Woche die Polizei.“ Hans lachte übers ganze Gesicht und meinte: „was ihr man alles habt. Die lasst man kommen, die machten lange Gesichter“. “Ich glaube“, sagte Onkel Holtkamps, „das hast du nun aber übertrieben.“ „Warte mal ab beim Gericht sollen sie dir deine Verwegenheiten wohl bestrafen.“.

Als der Gerichtstag nun gekommen war, stand Hans frühmorgens um vier Uhr auf, zog sich seine gute Joppe und Holzschuhe an, nahm Hut und Handstock und ging aus dem Haus.

Meta lag in ihrem Bett und lauschte. Sie stieß ihren Willm an. „Hör mal“ rief sie, „was rumort Vater so früh überall im Haus herum?“ „Dreh dich um und schlaf weiter“ sagte Wilm, “du weißt doch, an unserem Vater können wir doch nichts reden“.

Um Punkt sechs kam die Polizei mit dem grünen Auto auf den Hof. Meta kam gerade mit einem Melkeimer aus dem Ziegenstall als der Wagen um die Ecke fuhr.

„Guten Morgen, Frau Lüning““, sagten die Polizisten, „wir müssen ihren Schwiegervater abholen und aufs Gericht bringen. Wo ist er denn?“

Meta war sehr aufgeregt. „Vater ist da nicht, er ist bereits vor Tag und Tag aus dem Haus gegangen,“ gab sie an. “Er hat nicht gesagt, wo er hin wollte“.

Da waren die beiden Polizisten fassungslos. Sie gingen einmal durch das Haus und wollten das Schlafzimmer von Hans sehen. Dann schauten sie noch in den Stall. Hans war dort nicht. Kleinlaut stiegen sie wieder in das Auto und fuhren ab. Sie fuhren in ihrer Not noch eine Weile durch die Gegend, ob ihnen Hans nicht zufällig über den Weg laufen würde. Kurz vor neun kamen sie im Gericht an. Da saß Hans als wenn nicht gewesen wäre, auf der Bank und grinste die Polizisten an. „Ja ihr Herren seid ihr auch schon da. Zum Abholen seid ihr etwas zu spät gekommen. Ich steh immer so früh auf.“

Der Gerichtsdiener rief sie alle herein. Hans musste auf das Anklagebänkchen. Was ein Aufstand, dachte Hans,.

In der Verhandlung fuhr ihn der Richter sofort grob an. Er wollte wissen warum Hans das letzte Mal nicht gekommen war. Nun hätte die Polizei ihn abholen müssen. Hans sagte so sanft wie es ihm möglich war, „Herr Richter das stimmt nun aber nicht. Als mich die Polizei frühmorgens abholen wollte, war ich längst unterwegs. Ich bin zu Fuß von Dolberg nach Ahlen gelaufen und ganz freiwillig auf das (zum) Gericht gekommen.“

Warum er denn das letzte Mal nicht auch so freiwillig gekommen wäre, frug der Richter hinterhältig.

„Ja, Herr Richter, hohes Gericht, stellen sie sich das mal vor, gerade al ich losgehen wollte – ich hatte diese gute Joppe bereits an – da war unsere Lisa,, was unsere Ziege ist, trächtig. Und Meta meine Schwiegertochter sagte zu mir, Vater lass mich bloß mit dem armen Tier nicht allein. Du weißt doch, Lämmergeburten sind Männersache. Hohes Gericht und da habe ich erst getan, was nötig war. Zwei Lämmer kriegte unsere Lisa. Und als ich das Vieh gut versorgt hatte, da war es bereits zehn Uhr und zum Kommen zu spät geworden.“

Lügen können sie wirklich gut . Ein Rechtsanwalt hätte es nicht besser gekonnt.

“Können sie nicht Hochdeutsch reden“ frug der Richter, „von ihrem Plattdeutsch habe ich nicht die Hälfte verstanden.“

„Sicher kann ich auch hochdeutsch reden, Hohes Gericht“, sagte Hans, „aber genauer ausdrücken kann ich mich aber auf Plattdeutsch“.

„Schöne Märchen, die sie uns hier auftischen“, meinte der Richter, und dann wollte er von ihm wisse, wie das mit dem Bürgermeister gewesen war. Er hätte beleidigende Ausdrücke verwendet und Eselstreiber und Wegetreter (Dreckschuh ?) zu ihm gesagt.

„Was mit Eselstreiber gemeint ist, kann ich mir denken“, sagte er, „aber der Ausdruck Wegetreter (Dreckschuh ?) sagt mir gar nichts“

Da mischte sich einer von den Schöffen ein, wohl mehr um sich wichtig zu tun, und erklärte, dass einer, der mit seinen Füßen durch den Dreck gegangen war, nun mit den schmutzigen Schuhen nicht mehr in das Haus kommen darf.

„Die wissen doch nichts davon“; rief Hans dazwischen, „ein Wegetreter, das ist einer, der mal eilig in die Stangenbohnen muss und sich dabei in die Hacken scheißt.“ Der ganze Gerichtssaal brüllte vor Lachen.

Da unterbrach der Richter die Verhandlung. Als sie zurück kamen, hatten sie beschlossen, Hans erst auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen.

Nun war Hans bereits drei Tage in Marienthal. Die Polizei hatte ihn einen Tages abgeholt und nach Münster hingebracht. Dass das mit der Untersuchung nicht so ganz einfach abgehen würde, hatte er sich vorher bereits gedacht. Aber so schlimm,, wie das nun gekommen war, hatte er sich überhaupt nicht vorstellen können. In der ersten Nacht hatte er kein Auge zubekommen. Er lag in einem großen Saal mitten zwischen den anderen Patienten. Nette Patienten. Hier war einer am Schreien, da war ein anderer aus dem Bramschen ( ? ). Als Hans dachte, er könnte nun endlich einschlafen, da fing in der hintersten Ecke einer an zu singen:

„Dielittken, spiel noch ein bisschen, ist noch nicht dunkel, wenn du nach Hause kommst, bekommst was mit dem Gewehr“. Und dann stieg ihm ein abscheulicher Geruch in die Nase. Da fing wieder ein anderer an zu singen: „Dielilitt, das Kind das scheißt, es hat bereits dreimal gepupst, nimm das Blatt und wisch den Hintern, Adelheid was stinkt das“. In der Morgenzeit, er wusste nicht recht, hatte er geschlafen oder nicht, da ging das große Aufstehen los. Hans wurde abgeholt. Er bekam eine eigene Stube. Dann musste er zum der Doktor kommen. Die Vorzimmerdame war eine freundliche Dame, das konnte man nicht anders sagen. Sie nahm ihn mit in das Zimmer vom Doktor. Der stand hinter seinem Schreibtisch auf, kam ihm bis an die Tür entgegen und begrüßte ihn wie einen vornehmen Menschen (Kavalier). Ho dachte Hans, das geht hier aber vornehm zu. Der Doktor machte ihm klar, das er erst seine körperliche Gesundheit untersuchen müsse, denn meist würden körperliche Ursachen für geistige Fehlleistungen verantwortlich. Mit dem Blutdruck fing es an. „140 zu 80, das ist ja sehr gut für ihr Alter,“ meinte er. Dann musste er auf das Fahrrad steigen. „Donnerwetter, sie sind ja kerngesund“, sagte der Doktor. Hans dachte, nun soll ich wohl bald hier wieder rauskommen. Aber Zeit hatten die. Anderntags kam er in eine leere Stube. Ein Tisch, ein Stuhl waren drin und Papier und Bleistift lagen auf dem Tisch. Der Doktor kam und sagte, er solle nun seinen Lebenslauf aufschreiben, ausführlich aber nicht zu weitläufig. Bis Mittags könnte er sich Zeit lassen. Hans fing an zu schreiben. Zwischendurch kam die Vorzimmerdame und schaute ab und zu nach ihm. Mittags nahm sie sein Geschriebenes mit und ging damit ins Büro.

Am dem nächsten Tag kam der Doktor mit seinem Lebenslauf zu ihm. „Herr Lüning, ich muss sagen bravo. An ihrer körperlichen und geistigen Lebendigkeit besteht überhaupt kein Zweifel. Ich werde den Bericht für das Gericht entsprechend abfassen.“ „Herr Doktor, das habe ich dem dusseligen Kerl von Richter ja aber bereits vorher gesagt, dass bei diesem Getue nichts herauskommen kann. Nun kriegen sie es schwarz auf weiß, dass Hans Lünings nicht verrückt ist.

Dann will der Richter wissen, wie das gewesen wäre auf seinem Hof, als der Bürgermeister da war. „Sie haben ihn beleidigt und ihn arg beschimpft.“ „Ach wissen sie Herr Richter“, lässt Hans sich vernehmen, „eigentlich wollte ich das ja gar nicht und das tut mir auch leid. Aber die Beiden Diener, die er da bei sich hatte, die haben mich reineweg tatterig gemacht und über die Maßen aufgeregt.“ „Dann hat ja eine beleidigende Absicht im strengen Sinne gar nicht vorgelegen“, meinte der Richter. „Das vereinfacht das Verfahren sehr. Ich schlage vor, sie zahlen 30,00 DM an das Rote Kreuz und wir stellen die Sache auf Kosten der Landeskasse ein“.

Als der Bürgermeister einverstanden war, sage Hans: „Die dreißig Mark gehen mir als kleinen Kötter ja leidig ab, aber wenn es dann damit getan ist, man zu“.

Acht Tage nach dem Gerichtstermin stand Hans morgens schon früh auf. Er zog seine gute Joppe an und band sein bestes Vorhemd um. Meta bekam es schon wieder mit der Angst. „Vater“, frug sie, „was ist los? An einem Alltag Sonntagskleidung an, willst beichten?“ „Nein, nein“ schmunzelte er vergnügt, „ich muss noch einmal auf das Amt und mit dem Bürgermeister sprechen.“

Oh Herr, oh Herr“, rief sie, „geht die Wehrerei nun von vorne wieder los? Dass du auch nicht klug werden kannst.“ „Lass man“, gab er zurück, „ich will ihn bloß war fragen.“ „Was bei deiner Fragerei heraus kommt, das weiß ich nun bereits“, sagte sie weinerlich.

Hans machte sich auf den Weg und ging ins Amt. Er setzte sich auf das Wartebänkchen. Als er nach einer Viertelstunde den Bürgermeister zu sehen bekam, ging er auf ihn zu und frug: „Sag mal, Bürgermeister, wer von uns beiden ist denn nun eigentlich verrückt, du oder ich?“


Anmerkung der Redaktion:
Wir haben uns bemüht, den Text von Hans Sasse genau ins Hochdeutsche zu übersetzen. Sollten dabei Fehler entstanden sein, sind wir dankbar, wenn ein lieber Leser  und Kenner der plattdeutschen Sprache uns darauf aufmerksam macht.
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