Der Wichtel



..........eine Weihnachtsgeschichte von unserer Gastautorin

der Wichtel

Der Wichtel

Es war sehr früh, als mich meine Mutter weckte. Schnell schlüpfte ich in die bereit gelegte, klamme Winterbekleidung. Dann ging ich ins Bad, in dem gerade mein Vater sein unrasiertes Gesicht begutachtete. „Heute nicht.“ brummte er seinem Spiegelbild zu und ging hinaus. Ich putzte meine Zähne, wusch mein Gesicht, fuhr mir mit der Bürste durchs Haar. Aus der Küche rief meine Mutter: “Gesicht eincremen nicht vergessen!“ Oh, wie ich diese Creme hasste! Sie war so schmierig, aber ich wusste, meine Mutter würde mich kontrollieren, also cremte ich es ein.

In der Küche warteten schon eine Tasse dampfender Tee und eine Butterschnitte auf mich. Ich schlang das Brot herunter, jeden Bissen begleitet von einem Schluck Tee. Dann machten mein Vater und ich uns auf den Weg.

Dunkelheit umfing uns draußen vor der Tür, und ich versank mit meinen wadenhohen Stiefeln im Schnee. Wobei ich froh war, diese hässlichen, aber warmen Stiefel nicht mehr sehen zu müssen. Ich musste mich beeilen, denn mein Vater war sogleich losgestapft mit seinen Schneeschuhen. Er zog den großen Schlitten, auf dem eine alte Decke und ein Kartoffelsack lagen, in dem etwas sich befand, was ich nicht zuordnen konnte. Ohne Schneeschuhe war es schwer für mich im Schnee zu laufen, wir besaßen aber nur dieses eine Paar, das zudem zu groß für meine Füße war. Um also meinen Vater nicht zu verlieren, heftete ich meinen Blick auf das Ende vom Schlitten, ab und zu hielt ich mich auch daran fest und ließ mich etwas von ihm mitziehen, wenn es gar zu mühselig wurde. „Vati, kann ich mich nicht auf den Schlitten setzen?“

„Nein, du musste dich bewegen, sonst wird dir zu schnell kalt.“

„Vati, wie lange dauert es noch, bis wir im Wald sind?“

„Kind, frag nicht so viel. Spar dir deine Luft zum Laufen. Wenn wir da sind, wirst du ihn schon sehen.“ Langsam schwand die Dunkelheit und die Sonne stieg auf in den Winterhimmel. Ja, und plötzlich lag ein weites, unberührtes glitzerndes Schneefeld vor uns, am anderen Ende davon zeichneten sich dunkel die Stämme des Waldes ab. Nur das musste noch überquert werden und dann konnte die Suche beginnen.

Die Suche nach einem Weihnachtsbaum. Der Förster erwartete uns schon an einer Weggabelung und zeigte meinem Vater die Schonung, in der wir uns eine Tanne schlagen durften. Mit „Frohe Weihnachten“ verließ er uns, pfiff nur noch seinen Hund an seine Seite.

Mein Vater schritt Tanne für Tanne ab, schüttelte hier und da Schnee von den Ästen, umrundete Baum um Baum, beäugte einen mal näher, mal weiter weg.

Als ich mit den Füßen anfing aufzustampfen und meine Hände aneinander klatschte, bezog mich mein Vater in die Suche mit ein: „Was meinst du, den oder den?“

Ja, es war schwierig, denn die eine Tanne war schön groß und gerade gewachsen, hatte aber zu schlaksige Äste, sie würden kaum den Weihnachtschmuck tragen. Die andere war merklich kleiner, dicht, aber nicht gerade gewachsen. Eine andere wieder hatte zwei Spitzen. Es war schwierig, Auswahl war reichlich vorhanden, aber entsprachen anscheinend nicht den Wünschen meines Vaters, oder besser gesagt, den Wünschen meiner Mutter. Wir entschieden uns dann für den mit den zwei Spitzen, die zweite konnte ja abschnitten werden. Die Entscheidung war gefallen, und nun erfuhr ich auch, was sich im Kartoffelsack befand.

Eine Säge zog mein Vater hervor, sowie ein großes Knäuel Bindfaden; Bindfaden, der über einen Stock in 8ten gewickelt war. Ritsche-ratsche, Ritsche-ratsche hallte es mehrmals durch den stillen Wald, und schon lag der Baum um. Zusammen legten wir ihn auf die ausgebreitete Decke, schlugen ihn damit ein und Vater umwickelte alles mit dem Bindfaden. Das verschnürte Paket wuchteten wir auf den Schlitten.

Auf den Heimweg bemerkte Vater, dass er Durst bekommen hatte, denn beim Sägen war ihm heiß geworden. So steuerte er die nächste Ortschaft an, von der er wusste, dort gibt es eine Brauerei mit hauseigener Schenke. Vor der Tür der Brauerei stand trotz der Kälte, der dickbäuchige Brauherr, paffte an seiner Pfeife, hemdsärmelig in Fell gefütterten Weste und langer Lederschürze. Schnell waren er und mein Vater im Gespräch, war doch auch mein Vater ein Liebhaber der Pfeife. Wie sich herausstellte, war die Schenke noch geschlossen, aber der Brauherr bot uns an, bei einem Rundgang durch die Brauerei, Vater mit einem guten Schluck Bier und mich mit einer Brause zu versorgen. Also ließen wir den Schlitten draußen vor der Tür stehen und besichtigten die Brauerei.

Ich war froh über die Wärme und das Getränk, nur den Geruch im Gebäude mit seinen Kesseln mochte ich nicht. Im Kellergewölbe mit seinen großen offenen Bierbecken hielte ich mich nicht lange auf, dort war es kühler und der Geruch noch stärker, während die Männer noch eine Weile debattierend an den Becken standen. Nachdem wir alles besichtigt hatten, uns aufgewärmt und nicht mehr durstig waren, verabschiedeten wir uns mit einem „Danke sehr“ und „ein Frohes Weihnachtsfest“. Traten hinaus in den Vormittag und sahen: Der Schlitten stand da mit seinem Kartoffelsack, aber der Tannenbaum war weg.

Wie Dieben schlichen wir uns in die Tannenschonung, aber was sage ich denn, wir waren Diebe... Von einem zweiten Tannenbaum war nie die Rede gewesen...

Ausschau nach einem schönen Baum konnten wir also nicht mehr halten, der erste Beste musste genommen werden. Zu Hause angekommen, erwartete uns schon meine sorgenvolle Mutter, die sich über unser langes Ausbleiben Gedanken gemacht hatte. Den Tannenbaum beachtete sie gar nicht, war nur froh, dass wir heil wieder zu Hause waren und das Mittagsessen noch nicht verbrannt war.

Erst da fiel meinem Vater auf, was für einen verwachsenen Baum wir heimgebracht hatten. Schnell trug er ihn in den Keller, wo er ihn nach dem Mittagessen heimlich präparierte: Der Baum war ein spilleriges Etwas, einfach zu lang für die wenigen Ästen. Darum wurde er solange gekürzt, bis genug Äste zusammen waren, um sie in seinem Stamm per Bohrlöcher einzufügen und mit Leim festzukleben. Mit Steck- und Bindedraht wurde mancher schiefe Zweig noch in die richtige Lage gezwungen. Um Größe vorzutäuschen stand er nach seiner Behandlung auf einem kleinen „Rauchertisch“, der mit einer weihnachtlichen Tischdecke verhüllt war. Auch waren die wenigen Weihnachtsgeschenke für meine Geschwister und mich davor gestapelt. Die Weihnachtsbaumkugeln, das Lametta, die Strohsternen und die Kerzen in ihren Weihnachtsbaumhaltern verbargen die falschen Äste.

Nun sah dieser Weihnachtsbaum richtig imposant aus! Er strahlte um die Wette mit unseren Weihnachtsgesichtern.

Er war kleinste Weihnachtsbaum, den wir je hatten, aber er war der größte in unseren Herzen. Jahrelang wurde seine Geschichte zu Weihnachten hervorgekramt und immer wieder erzählt. Jetzt nach vielen Jahrzehnten ist außer mir keiner mehr da, der sie miterlebt hat.

Vergessen ist der Wichtel deswegen nicht, er ist immer noch in meinen Gedanken, und in diesem Jahr werde ich zum ersten Mal meinen Enkelkindern von ihm erzählen.

©
diekleinebenzmann