"Sternstunden"


.........von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg


Ilse W. Blomberg


Sternstunden! In dem Buch „Momo“ von Michael Ende gibt es folgenden Dialog:  „Was ist denn eine Sternstunde?“, fragt Momo Meister Hora. Und Meister Hora erklärt: „Nun, es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke, wo es sich ergibt, dass alle Dinge und Wesen bis zu den fernsten Sternen hinauf in ganz einmaliger Weise zusammenwirken.“

Sternstunden!  Haben wir nicht alle schon Sternstunden erlebt? Ein besonders schönes Konzert, ein Buch, das uns bewegt und berührt hat oder ein wunderschöner Sonnenuntergang am Meer.  Aber auch die Begegnung mit Menschen machen Sternstunden möglich. Erinnern wir uns an Menschen, in deren Gegenwart wir uns leicht und glücklich fühlten. Erinnern wir uns an Menschen, durch deren Zuwendung wir mutiger wurden.  Erinnern wir uns an Menschen, durch deren Nähe wir erfahren durften, dass wir liebenswert sind.

All diese positiven Begegnungen sind für mich Sternstunden. Und von einer Sternstunde erzähle ich jetzt, von meiner Sternstunde!

Es mag im Jahre 1953 oder 1954 gewesen sein.  Unsere Lehrerin brachte einen Referendar mit in unsere Klasse. Durch seine äußere Erscheinung und seine freundliche Zugewandtheit eroberte er schnell unsere Mädchenherzen.  Und er verzauberte auch unsere Lehrerin. Ich hörte sie in der Zeit seines Daseins niemals mehr schimpfen oder zürnen. Sie war wie ausgewechselt und nannte mich schon mal Ilschen. Aber dann kam eine Unterrichtsstunde anderer Art. Im Kunstunterricht, in dem der Referendar hospitierte, sollten wir wieder einmal mit Wasserfarben malen. Da mir in der letzten Kunststunde die Wasserfarben ineinanderliefen, wollte ich diesmal alles richtig machen. Es gab das Thema „Segelschiffchen auf dem Wasser.“

Naturgetreu sollte alles werden. Ich malte einen braunen Segelschiffsrumpf, braune Masten und weiße Segel. Die Segel hoben sich hell von dem blauen Himmel ab. Das Wasser malte ich etwas dunkler blau. Alles fein. Nicht zerlaufen. Ich war so froh über mein gelungenes Bild und hoffte auf Lob.  

Jetzt lenkte unsere Lehrerin ihren Schritt in meine Richtung. Als sie an meinem Platz stand, stand ich auch auf. Nun winkte sie den Lehramtskandidaten zu sich heran. Sie sagte: „Schauen Sie mal. Genau so traurig wie sie ist, so malt sie auch.“ Keine lobende Anerkennung?! Das traf mich. Ich traurig? Sonst fühlte ich mich eigentlich nicht so. Aber jetzt war ich es und musste ordentlich schlucken. Wie konnte sie nur so etwas sagen? Und das ausgerechnet im Beisein dieses von mir so geschätzten Menschen. 

Der Referendar aber machte etwas ganz Unerwartetes, etwas ganz Wunderbares. Er lachte mich an, umarmte mich und sagte zu unserer Lehrerin: „Bei mir ist sie nie traurig!“  Und mir war es so, als ob der Stern von Bethlehem aufgegangen war. So hell war es plötzlich in der Klasse.
 
Ich wünsche Ihnen, dass der Himmel Sie mit Sternstunden segnen möge. Frohe Weihnachten.

Ihre Ilse Waltraut Blomberg