Mit dem "Tiziano" nach Milano


Diese Geschichte über verlorene Träume und unerfüllte Wünsche spielt in der Zeit, als jeder  ICE noch einen Namen trug.

Foto: bagal

Luigi stand in Hamburg-Altona im Hauptbahnhof am Gleis 8. Gleich mußte er kommen.....der ICE „Tiziano“ , der nach Milano in seine frühere Heimat fuhr.

Seit dem Tod seiner Frau Antonella vor drei Jahren kam er jeden Freitag hierher, denn seit dieser Zeit war sein Heimweh stärker denn je.

45 Jahre lebte er schon im Umland von Hamburg. Ende der 60-ziger Jahre war er mit vielen anderen Italienern nach Deutschland gekommen, um hier zu arbeiten. In einer Eisdiele in Altona lernte er dann Antonella kennen und lieben. Sie stammte aus der Nähe von Bergamo und half im Sommer in der Eisdiele ihres Onkels aus. Ein Jahr später heirateten sie und bekamen 2 Kinder...... Marisa und Claudio. Jedes Jahr sparten sie sich das Geld für eine Reise in die Heimat. Damals fuhr man zwar noch nicht so komfortabel mit einem ICE wie heute......doch Luigi und Antonella waren jung und freuten sich das ganze Jahr auf diese Zeit.

Jetzt war Luigi 67 Jahre alt und seit 2 Jahren in Rente. Wenn Antonella das doch noch erlebt hätte....was hatten sie für Pläne für die Zeit nach der Arbeit. Sie hatten sogar in Erwägung gezogen, wieder zurück nach Italien zu gehen. Jetzt könnten sie alles das tun, wovon sie schon immer geträumt haben........und was ist daraus geworden? Wie Seifenblasen ist alles zerplatzt, als Antonella schwer erkrankte und starb. Nun saß Luigi wehmütig jeden Freitag hier im Bahnhof am Gleis 8 und trauerte nicht nur um Antonella, sondern auch um seine verflossenen Träume.

„Es fährt ein der ICE „Tiziano“ auf Bahnsteig 4, Gleis 8, von Hamburg-Altona über Bremen, Dortmund, Köln, Koblenz, Basel nach Mailand.......bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante“, ertönte es aus dem Lautsprecher und weckte Luigi aus seinen Gedanken.

Da ist sie ja wieder..... Luigi hatte sie gar nicht kommen gesehen!........Seit ungefähr 6 Wochen kam zur gleichen Zeit eine ältere Frau zum Gleis 8. Sie hatte immer eine Reisetasche dabei....ging immer zunächst zum Fahrplan und setzte sich dann auf die Bank, die neben der Bank stand, auf der Luigi saß. Wie immer lächelte sie kurz zu ihm herüber und schaute dann in die Richtung, aus der der Schnellzug kommen musste. Der Bahnsteig hatte sich inzwischen gefüllt mit Leuten, die mit diesem Zug verreisen wollten.

Mit lautem Getöse lief der ICE ein, die Bremsen quieschten, die Türen öffneten sich und in wenigen Augenblicken verschlang der Zug die wartenden Menschen. Nur Luigi und die Frau blieben auf dem Bahnsteig zurück. Kaum hörte man die Pfeife des Schaffners, schon setzte sich die weiße Schlange wieder in Bewegung.

Luigi stand auf, ging zur Bahnsteigkante und schaute sehnsüchtig dem Zugende so lange hinterher, bis er seinen Blicken entschwunden war. Als er sich umdrehte, um zum Ausgang zu gehen, sah er, wie die Frau versuchte, wieder an ihren Regenschirm zu kommen, der wohl umgekippt und dann unter die Bank gerollt war. Er ging zu ihr und holte den Schirm wieder hervor.

„Oh, das ist aber nett, vielen Dank....ich war wohl etwas ungeschickt“, bedankte sich die Frau. „Kein Problem“, antwortete Luigi mit seinem leichten Akzent.

„Sie warten auf den nächsten Zug?“ fragte er, denn er wollte sehr gerne ein Gespräch mit dieser fremden Frau beginnen. Zuhause hatte er kaum jemanden, mit dem er sprechen konnte, und sie war ihm irgendwie sympathisch.

„Nein“, antwortete die Frau „ich würde nur zu gerne mal mit dem „Tiziano“ nach Mailand fahren.“ Inzwischen hatte sich Luigi zu ihr auf die Bank gesetzt.

„Sie haben Verwandte in Milano?“ fragte er interessiert weiter. „Nein, einfach nur so....für mich wäre der Weg das Ziel......einmal mit dem Zug am Rhein entlang und durch die Schweizer Bergwelt fahren.......das ist schon lange mein Traum. In Mailand würde ich gerne die Scala besuchen und mir ein paar Tage die Stadt ansehen. Aber irgendwie traue ich mich nicht, diese Reise zu unternehmen. Ich probiere es immer wieder......habe immer meine gepackte Tasche dabei, in der Hoffnung, ich würde mich mal überwinden und in den Zug einsteigen, aber ich kann es einfach nicht.  Bestimmt leide ich an einer Reisephobie“, versuchte sie zu scherzen.

„Haben Sie denn niemanden, der Sie begleiten könnte“, fragte er. „Nein, eigentlich nicht“, antwortete sie nachdenklich. „Mein Mann hat mich vor 8 Jahren verlassen und Kinder hatten wir nicht. Ich komme so wunderbar zurecht.....nur dieser Wunsch hat sich irgendwie in meinem Kopf festgesetzt. Ich könnte ja mit einer Reisegesellschaft, die alles organisiert, eine Italien-Rundfahrt machen, aber ich möchte nur mit diesem Zug nach Mailand fahren. Es ist wohl eine fixe Idee von mir,“ winkte sie ab.

Auch sie machte nicht den Anschein, als wenn sie es eilig hätte. Deshalb fragte sie ihn :“....und Sie, warten Sie hier auf jemanden?“ „Nein, ich warte auf niemanden.....ich warte immer nur auf den „Tiziano nach Milano“. Wenn ich ihn sehe, denke ich an meine Heimat. Dabei erinnere ich mich an eine frühere, schönere Zeit “, antwortete er. Dann erzählte er ihr seine kleine Geschichte wie er aus Milano nach Hamburg kam, von Antonella, die er sehr vermißte und von seinen zerplatzten Träumen im Alter.

„Warum fahren Sie denn nicht einfach in Ihre Heimat?“, fragte ihn die Frau. „Ich würde schon gerne mal wieder meine Heimat sehen, aber es wartet dort niemand mehr auf mich“, war seine Antwort. „Alle Freunde und Verwandte sind entweder tot oder sie leben in allen Teilen der Welt.....genauso wie ich.

Übrigens, mein Name ist Luigi Pertini. Wenn ich Ihnen schon meine Geschichte erzähle, dann sollten sie auch die Hauptperson kennen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Ich bin Anne Lehnhardt,“ antwortete die Frau und ein leichtes Strahlen war in ihren Augen zu erkennen. „Es ist schon eigenartig, wir sitzen beide hier und warten auf einen Zug, mit dem wir nicht verreisen können oder wollen und erzählen uns unsere Geschichte“ sagte sie.

Plötzlich wurde sie etwas verlegen und zupfte nervös an ihrem Schal, doch sie nahm sich ein Herz und sprach: „Vielleicht finden Sie es ja ein wenig unschicklich, aber ich frage Sie trotzdem,“ sprach sie weiter, “würden Sie mit mir mit dem „Tiziano“ nach Mailand fahren? Sie sind bestimmt der beste Fremdenführer, den ich mir wünschen kann.“ Luigi schaute in Annes Gesicht und er bemerkte, dass ihr diese Frage nicht so leicht über die Lippen kam. „Jaaa, sehr gerne.......ich würde mich sehr freuen, ihnen meine Heimat zeigen zu dürfen.......warum bin ich nicht auf diese Idee gekommen? “ lachte er.

Am nächsten Freitag saß Luigi wieder auf der Bank am Gleis 8. Diesmal war jedoch alles anders.....er hatte einen kleinen Koffer dabei und wartete auf jemanden...... auf Anne. Sie kam pünktlich mit ihrer Reisetasche. Luigi hatte sie schon gesehen; er ging ihr entgegen und begrüßte sie.

Nach einer kleinen Weile ertönte es aus dem Lautsprecher: „Es fährt ein der ICE „Tiziano“ auf Bahnsteig 4, Gleis 8, über Bremen, Dortmund, Köln, Koblenz, Basel nach Mailand.......bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante“.

Luigi und Anne stiegen ein …...und es schien, als fahren sie nicht nur mit dem „Tiziano“ nach Milano, sondern auch in eine schönere Zeit.

© ct

Foto: bagal/www.pixelio.de

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