Gedanken zum Sonntag


von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg

.......Mensch, wer bist Du?

Ilse W. Blomberg

Mensch, wer bist Du?

(Der Theologe A. de Mello übermittelt uns folgenden Dialog):

Eine Frau lag im Koma. Plötzlich erschien es ihr, als stünde sie vor einem Richterstuhl.
Wer bist du?“ fragte eine Stimme.
Ich bin die Frau des Hochschullehrers.“, antwortete die Frau.
Ich habe nicht gefragt, wessen Ehefrau du bist, sondern, wer du bist.
Ich bin Mutter von drei Kindern.“, war nun ihre Antwort.
Ich habe nicht gefragt, wessen Mutter du bist, sondern wer du bist.“
Ich bin Lehrerin.“
Ich habe auch nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern wer du bist!“
Ich bin Christin.“
Ich habe nicht nach Deiner Religion gefragt.
Und so ging es immer weiter. Alles, was die Frau erwiderte, schien keine befriedigende Antwortauf die Frage: Wer bist du? zu sein.
Eines Tages erwachte die Frau aus ihrem Koma und wurde wieder gesund.
Sie beschloss nun herauszufinden, wer sie war. Und darin lag der ganze Unterschied.

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Das ist gar nicht so einfach. Die Suche nach uns selbst gestaltet sich schwierig.

Wer bist Du - wer bin ich?

In Märchen, in Sagen, im Volksglauben wird dem Spiegel manche Symbolkraft zugeschrieben. Zum Beispiel, dass er uns zur Selbsterkenntnis führen kann und uns die Maske vom Gesicht nimmt.

Ich glaube, die Maske vom Gesicht nehmen kannst nur Du Dir selbst. Du weißt mehr über Dich, weil nur Du Deiner Seele nahe bist. Nur Du weißt von Deinen Fähigkeiten, Deiner Sehnsucht, Deinen Ängsten, Deinen Hoffnungen, Deiner Liebesfähigkeit.

Aber macht Dich das eine oder andere aus, dass Du sagen kannst, das bin ich?

Oder bist Du noch mehr?

Es scheint, dass Du die Antwort auf die Frage nach Dir selbst nicht unabhängig von anderen findest.

Wenn ich Freunde, Familienangehörige, Arbeitskollegen, Vereinskollegen, Nachbarn fragen würde: Wie ist der oder die so?, dann würde ich ganz verschiedene Antworten bekommen.

Aber sind wir wirklich das, was andere von uns sagen? Oder sind wir, was wir selber von uns erfahren?
Sind wir diese oder jene? Heute so und morgen ganz anders? Bei und mit einem Menschen so und bei dem anderen ganz anders?

Viele Fragen. Wer bist Du, wer bin ich?

Dietrich Bonhoeffer endet seine Suche nach der Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ mit folgender Erkenntnis und mit folgendem Bekenntnis: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“

Und mit diesem Vertrauen macht er sich unabhängig von anderen Beurteilungen, denn Gottes Antwort gilt: „Du bist mein einmaliges Geschöpf, das ich segne, behüte und liebe.“


Ilse Waltraut Blomberg