Margit Becker: Wenn man unbedingt will!"


... lassen sich oftmals  "Grenzen ausloten, Grenzen  erreichen, Natur erleben, gemeinsam etwas schaffen, etwas aushalten", zu dieser Überzeugung ist unsere Gastautorin Margit Becker gekommen, aber lesen Sie selbst! 

Margit Becker

Wenn man unbedingt will

 3,5 bis 4,5 Stunden sollte sie dauern und schwer sollte sie sein.  Von  etwa 800 Höhenmeter  im Teno-Gebirge  tief hinab zum Meer.  Mein Kollege meinte, du schaffst das.  Locker hat er es ausgesprochen und mich von mir selbst überzeugt. Unser 12jähriger Enkel brauchte schließlich im gemeinsamen Urlaub auch seine Herausforderungen.

Jo, der junge und sehr sympathische Wanderführer (auch Guide genannt) wirkte sehr umsichtig, weil er bei allen 12 Mitgliedern der Wandergruppe schnell mit Blicken erfasste, ob  rein von der Ausrüstung her  es jeder schaffen könnte.  Wir gehen jetzt bis zu einer Brücke, dann entscheidet jeder, der seine Knie- und Hüftprobleme kennt, ob er lieber zurück geht oder nicht. Der Bus oben wartet solange.

Ich stand an der Brücke, die zu erreichen schon innerhalb von 5 Minuten eine Herausforderung war. Straff bergab und nur Steine aller Formen und Größen.  Trittsicherheit, Konzentration,  Balance.  Jo sah jedem tief ins Gewissen.  Das ist die einfachste aller Strecken, die Hürde Numero 1, meinte er und dass es bis zur Nummer 56 geht.

Niemals gehe ich diese 200 Meter wieder nach oben. Niemals. Wusste ich.

Er schien in meinen Augen die Zweifel zu sehen oder meine Schmerzen im Knie bei der  Berg-Wanderung letztes Jahr im Herbst, die nur bergab ging. Ich verzog die Mundwinkel und lächelte das genialste 60+ Durchhalte-Lächeln.  Ich werde es schaffen.  Besser : Ich will.

Die Wandergruppe bestand aus 10 Leuten und meinem Lebensbegleiter und mir,  mit mehr als 14 Jahren Abstand nach oben, was nichts besagt.  Schon nach kurzer Zeit war klar, wir beide würden immer die Letzten sein. Aber, wahre Gelassenheit ist ein Wundermittel.

Schmale naturbelassene immer und immer steinige  Pfade,  nicht kleine Steine sondern solche aller denkbarer Größen, Felsvorsprünge, an denen man sich festhalten musste oder riesige Steine zum Abstützen, da ein Sprung in die Tiefe meine Knien in Schmerzzustände bringen würde.

Die interessante und faszinierende Schluchtenlandschaft, das schwarze, rote und braune Vulkangestein, die vielen zum Teil  elefant-ähnlich aussehenden  Felsen-Formationen, Höhlen, riesige Felsvorsprünge, ausgetrocknete Wasserfälle, von der Natur geformte Schilfhütten,  besondere Fauna  und selbst die wilden Bergziegen, die sich kurzzeitig zeigten, all das, was ich in tausenden Fotos liebend  gerne festgehalten hätte, zog an mir fast oberflächlich vorüber, weil meine Konzentration in Bezug auf Sicherheit und unbedingtes Durchhalten alle Kraft und Aufmerksamkeit erforderte.

Hin und wieder machte Jo eine 5-Minuten-Pause und sprach über Wissenswertes und Historisches.  Schnellstens holte ich meine Kamera aus der Tasche, musste zuhören, gleichzeitig mich ausruhen und viel trinken. Dann ging es weiter. 

Wir machten wir eine 20-minütige Essenspause.  Die Sonne stand ungünstig für einen abgeschlafften und erholungsbedürftigen Fotografen und die interessantesten Motive waren eben vorbei oder kamen erst hinter dem nächsten Felsen wieder.

Ich wählte intensives Entspannen im Schatten, zumal es noch bis zur Nummer 56 ging. 

Zuerst die gute Nachricht, sagte Jo beim Aufbruch. Wir haben schon bedeutend mehr als die Hälfte geschafft. Alles lächelt hoffnungsvoll, selbst die Jugend. Die schlechte:  die Reststrecke ist die schwierigste.

Ein Stahlseil war als Festhaltemöglichkeit in den Fels gehauen, weil der Pfad nicht nur  sehr  schmal sondern auch abschüssig war.  Ob es hält?  Klar. Tausende waren vor mir.

Ein Bach musste durchquert werden,  6 nasse runde Steine, glitschig,  so groß wie eine CD etwa in 6 Schritten nehmen ohne abzurutschen..... Ich wusste von einigen Wasserläufen vorher schon, wie glatt  es sein kann.

Jo wartete auf uns und sprach grinsend:  Mindestens einer in jeder Gruppe fällt hier ins Wasser.  Wenn Du es nicht schaffst, Dich zu konzentrieren, dann bist Du es.  Ha !!!

Jo,  unser Guide- Psychologe. Er machte seinen Job gut.  Er wusste genau, dass sich in  dieser Sekunde alle Kräfte nur auf  diese gefährliche Stelle konzentrierten.

Und es gab wenigstens noch eine erwähnenswerte  Hürde, wo man wiederum auf schmalem abschüssigen Pfad  Bauch und Brust an den hervorstehenden Felsen drücken musste, als würde man zu ihm in Liebe erbrennen und mit den Fingern krankhaft nach kleinen Vorsprüngen zum Festhalten suchte.

Körperliche Anstrengung,  Grenzen ausloten, Grenzen  erreichen, Natur erleben,  gemeinsam etwa schaffen, etwas aushalten. 

Keiner spricht mehr vom Muskelkater, der drei Tage anhielt, keiner davon, wie sich Enkelchen lustig machte, wenn wir mit beiden Händen beim Treppensteigen uns am Geländer  aufwärts und auch abwärts fest hielten.

Die Masca-Schlucht auf Teneriffa ist und bleibt eben ein unvergessenes Erlebnis.